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Jens Matheuszik — 30. Oktober 2013, 06:23 Uhr

Update: Reaktion vom WDR-Studio Dortmund // WDR Lokalzeit Dortmund distanziert sich von Borussia Dortmund und den BVB-Fans auf der Südtribüne – oder: Mediale Sippenhaft im Vorspann?!


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Das obige Bildstammt aus dem Fernsehen (also quasi „Quelle: Fernsehen“), genauer gesagt aus der WDR Lokalzeit Dortmund vom 28. Oktober 2013. Erster Beitrag dieser Sendung war das Revier-Derby zwischen dem FC Schalke 04 und Borussia Dortmund vom vergangenen Wochenende. Der Augenmerk der Berichterstattung lag auf dem skandalösen Verhalten einiger weniger, die sich Fan des BVB nennen, aber eine Grenze überschritten haben, die es nicht zu überschreiten gilt.

Als wir (in diesem Fall Fans des FC Schalke 04 und von Borussia Dortmund!) das Spiel uns angeschaut haben und es zu der Eskalation vor dem Spiel kam, bei der unter anderem auch in einen anderen Block Leuchtspurmunition gefeuert wurde, dachte ich mir spontan, was soll der Scheiß und schrieb das sinngemäß auch:

Die gestrige Ausgabe der WDR Lokalzeit aus Dortmund sah im Vorspann anders aus als die Sendung am Vortag:

Denn diesmal fehlt die Kamerafahrt über die Südtribüne im Westfalenstadion, wo die BVB-Fans in schwarz und gelb feiern. Für die, die es nicht sofort bemerkt haben, wird das auch gleich noch einmal angesprochen und zwar wie folgt:

Moderatorin: Hallo und willkommen jetzt zu Ihrer Lokalzeit aus Dortmund.
Haben Sie es gemerkt?
Im Vorspann haben wir keine Bilder der BVB-Fankurve mehr. Vorerst ist das so. Wir denken, dass es nach dem Krawall beim Revier-Derby Zeit ist, dass sich alle friedlichen Fangruppen klar von den gewalttätigen Chaoten distanzieren sollten. Momentan herrscht da aber weitgehend Funkstille. Was denken Sie dazu, warum ist das so? Wenn Sie es wissen, schreiben Sie uns unter dortmund.wdr.de über unser Kontaktformular. Wir werden am Ball bleiben.

Wenn man die WDR-Berichterstattung zu diesem Thema beobachtet, dann klingt der letzte Satz fast wie eine Drohung. Schon die Sendung des Vortages benötigte eine Klarstellung durch schwatzgelb.de, da der Eindruck erweckt werden konnte, dass die schwatzgelb.de-Verantwortlichen sich nicht trauen zu dem Thema was zu sagen.

Jetzt die Angelegenheit mit dem Entfernen der schwarzgelben Fans aus dem Vorspann der Lokalzeit:

Meiner Meinung nach ist das an Lächerlichkeit und Populismus kaum zu überbieten. Dazu kommt aber dann auch noch gepflegte Ignoranz. Ich kenne keinen einzigen BVB-Fan, der die Aktionen vor dem Spiel gutheißt. Ich kenne aber sehr sehr viele, die sich dagegen geäußert haben. Und das nicht nur im persönlichen Gespräch, im Austausch in den sozialen Netzwerken oder im (selbst vom WDR am Vortag abgebildeten!) BVB-Forum, sondern auch in klarer, eindeutiger und schriftlicher Form:

Das sind nur ein paar der Artikel aus Fankreisen, es gibt auch eine Erklärung des bundesweiten Fanbündnisses ProFans (siehe ruhrnachrichten.de), welche der WDR auch haben könnte, wenn man die dpa-Dienste bezieht usw.usf. Das nennt man beim WDR bzw. bei der Lokalzeit Dortmund also Funkstille.

Überall werden die Vorkommnisse kritisiert und selbst die Befürworter von Pyrotechnik im Stadion (wie es ja bei anderen Sportarten anscheinend problemlos geht…) lehnen die Geschehnisse in dieser Form ab. Das scheinen eigentlich alle zu wissen, nur der WDR nicht, denn dieser fordert jetzt die friedlichen Fangruppen um klare Distanzierung von den gewalttätigen Chaoten.

Wie stellt sich der WDR das eigentlich vor? Sollen jetzt die Fanclubs an den WDR schreiben? Reicht da eine einfache Mehrheit, eine absolute Mehrheit eine nahezu eindeutig 100 %-Mehrheit (die da sicherlich erreicht werden würde)? Braucht es ein Mindestmaß an Beteiligung, damit der WDR das ganze akzeptiert? Warum zählen die Äußerungen beispielsweise in den größten beiden Fanmagazinen rund um Borussia Dortmund (schwatzgelb.de und Die Kirsche, für die ich auch schreibe) nicht?

Mein Eindruck dazu: Da wollte wohl wer mal was zeigen. Initiativ werden, das Thema zum Anlass nehmen zu handeln. Zwar nur symbolisch, aber immerhin.

Das man damit rund 25.000 BVB-Fans auf der Südtribüne verunglimpft, quasi in eine Art mediale Sippenhaft steckt, nur weil eine kleine Anzahl von Übeltätern auf gut deutsch gesagt Scheiße gebaut hat, das wird mal eben ignoriert. Damit das ganze noch eindrucksvoller erscheint wird dann die angebliche Funkstille erwähnt. Die es definitiv nicht gibt. Wer BVB-Fans kennt, der weiß, was diese davon halten.

… aber vielleicht sind auch die verantwortichen Personen der Lokalzeit Dortmund einfach selber weder BVB-Fans noch Kenner von Borussia Dortmund. Dafür spräche ja auch, dass ein richtiger BVB-Fan – im Gegensatz zur Moderatorin – wüsste, dass es gar keine BVB-Fankurve gibt. Und dafür muss man eigentlich nicht mal BVB-Fan, oder -Kenner sein – ein wenig Geometrie-Grundwissen würde auch ausreichen.

PS: Die WDR-Moderatorin fragte ja nach Rückmeldungen. Da gibt es jetzt mindestens eine von mir und da ich meine Mailadresse angegeben habe, bin ich gespannt, was man mir darauf so antworten wird.

Reaktion des WDR (Gerald Baars, Studio Dortmund)

Inzwischen gibt es auch eine Reaktion vom WDR, genauer gesagt von Gerald Baars (dem Leiter des WDR-Studios in Dortmund).

An und für sich hat er auf meine Anfrage via Kontaktformular geantwortet, wie ich inzwischen erfahren habe, ist das jedoch anscheinend eine Art Musterschreiben für Kritiker an der Aktion der Lokalzeit Dortmund, die man mehr oder weniger auch schon im Netz findet. Daher veröffentliche ich die Antwort auch ohne explizite Zustimmung. Diese habe ich bereits angefragt, aber noch keine Antwort erhalten. A propos „keine Antwort erhalten“ – das Gefühl hatte ich nach dem Lesen der Mail auf meine Anfrage irgendwie auch…
Inzwischen habe ich die Zustimmung zur Veröffentlichung erhalten.

Meine Anfrage an den WDR:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ihre Entscheidung, nicht mehr die Südtribüne die übrigens keine Kurve ist) im Vorspann zu zeigen halte ich für extrem … unpassend. Eine andere Wortwahl halte ich zwar für angemessener, aber die wäre vielleicht nicht so höflich…

1.) Sie stellen damit alle BVB-Fans der Südtribüne quasi unter mediale Sippenhaft, wegen einiger weniger Chaoten.

2.) Sie behaupten, dass es an der Zeit ist, dass die Fangruppen sich äußern. Ich weiß ja nicht, mit wem sie so Kontakt hatten oder nicht: Ich kenne keinen BVB-Fan, der das ganze gut fand. Ich kenne aber sehr sehr sehr viele BVB-Fans, die das ganze verurteilten.
Da gibt es auch seitenweise Artikel und Erklärungen zu. Soll ich Ihnen die Links schicken, die sie nicht gefunden haben?

3.) Die erwähnte Funkstille ist auch lächerlich, denn es gibt ja genügend Erklärungen. Noch am Vortag wurde für das Bildmaterial des Berichtes das gut besuchte BVB-Forum gezeigt mit ich weiß nicht wieviel hunderten oder gar tausenden Beiträgen zum Thema.

Ich finde es übrigens sehr bedenklich, wenn der WDR einfach so behauptet, dass es jetzt an der Zeit wäre sich zu distanzieren (und damit implizit sagt, dass man das noch nicht gemacht hat) und dass die angebliche Funkstille herrscht.

Wer sich nicht auskennt, der könnte Ihnen ja glatt glauben und würde falsch informiert sein.

Jens Matheuszik – https://www.pottblog.de/

Die Antwort von Gerald Baars (WDR):

Sehr geehrter Herr Matheuszik,
Vielen Dank für Ihre Zuschrift und Ihre Meinung zu unserem „Lokalzeit aus Dortmund“-Vorspann zur Zeit ohne BVB Südtribune.
Zunächst möchte ich Ihnen versichern: Auch im WDR gibt es leidenschaftliche Fußballfans. „Die Wand“ haben wir gerade filmisch gewürdigt. Die Unterstützung des eigenen Vereins durch begeisterte Anhänger ist großartig. Friedliche Fans werden auch keineswegs gewalttätigen Hooligans gleich gestellt und in „Sippenhaft“ genommen. Es geht auch nicht um Fans, die mal im Überschwang der Gefühle über die Stränge schlagen. Es geht um einige hundert organisierte Gewalttäter, die gezielt Provokationen vorbereiten, bewusst gefährliche Pyrotechnik in die Stadien schmuggeln, damit auch auf Menschen zielen und sie gefährden, die sich verabreden, um andere Fans anzugreifen, auch im Umfeld der Stadien bei An- und Abreise. Das ist bewusster Missbrauch der Fußballbegeisterung für ganz andere eigene Ziele: die Radikalisierung und Förderung der Gewaltbereitschaft junger Menschen im Windschatten des Fußballs und im Schutz der Menge friedlicher Fans. Wer kennt diese Hooligans besser als die Fans, die seit Jahren neben ihnen stehen und ihr Treiben mit erleben. Sie kennen vielfach die Akteure. Wenn diese große Mehrheit der friedlichen Fans klipp und klar diese Gewalttäter identifiziert, isoliert und gemeinsam mit dem Verein schlicht und einfach ausschließt, ist das eine klare Ansage, die überfällig ist. Es reicht nicht, diese gezielten Angriffe auf Menschen, die einem anderen Verein anhängen, nur als „Nebengeräusche“ zu bezeichnen und das Abfeuern von Pyrotechnik immer wieder zu verharmlosen: “So wurde die hässliche Turnhalle mit gelbem Rauch verschönt.“ (Spielbericht Revier-Derby in www.schwatzgelb.de). Das ist keine klare Distanzierung von dieser Stadiongewalt. Jürgen Klopp hat es auf den Punkt gebracht: “Das sind zwar nur vereinzelte Leute, aber die dürfen in keiner Weise das Gefühl haben, dass sie dazu gehören.“ Und da seien auch die vielen anderen Fans gefordert. Nur die sind sich dann plötzlich einig in ihrer Schelte der Medien, der Polizei, der Politik, die angeblich „alle nur in einen Topf werfen“ und nicht differenzieren. Das ist Unsinn. Medien-Berichte über solche Ausschreitungen, Polizeiermittlungen, die auch sehr genau die Täter benannt haben, haben seit Jahren nichts bewirkt. Nun wollen wir in der „Lokalzeit aus Dortmund“ versuchen, demonstrativ die Diskussion anzustoßen. Keine BVB Wand mehr im Vorspann, bis sich die großen Fan-Gruppen deutlich von diesen Krawallmachern distanzieren.
Die Programmgrundsätze im WDR Gesetz (§ 5) verpflichten uns, „die Würde des Menschen zu achten und zu schützen“. Der WDR soll dazu beitragen, „die Achtung vor Leben, Freiheit und körperlicher Unversehrtheit, vor Glauben und Meinung anderer zu stärken.“ Das Recht auf körperliche Unversehrtheit und Menschenwürde gilt auch für gegnerische Fußballanhänger. Gerade weil wir die Fußballbegeisterung teilen, wollen wir keine weitere Gewalt in ihrem Windschatten erleben. Und ich hoffe, Sie auch nicht.

Mit freundlichen Grüßen

Gerald Baars
Studioleiter
WDR Dortmund

Reaktion von Borussia Dortmund:

Michael Zorc und Jürgen Klopp zeigten sich heute in der regulären Spieltagspressekonferenz verwundert darüber und wollten das auch erst gar nicht glauben; abschließend warf der BVB dem WDR in Sachen Lokalzeit-Trailer Populismus vor.


17 Kommentare »

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