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J. Matheuszik — 1. April 2012, 19:14 Uhr

Update: 3 Jahre Stadionverbot! // Stellungnahme der Verursacher zu den homophoben Plakaten beim Spiel Borussia Dortmund (BVB) vs. SV Werder Bremen veröffentlicht


Das Spiel von Borussia Dortmund gegen den SV Werder Bremen war schon lange abgepfiffen, da dominierten noch zwei Plakate, die auf der Dortmunder Südtribüne für wenige Minuten zu sehen waren, die Diskussion:

(die hier verwendete Fassung ist eine Vergrößerung des Originals, die mit freundlicher Genehmigung des Urhebers genutzt werden kann)

Neben dem obigen Banner mit dem Text

Lieber ne Gruppe in der Kritik, als Lutschertum und Homofick

wurde noch ein weiteres Banner präsentiert gezeigt (welches man bei bvb-fotos.de sehen kann), auf dem folgendes zu lesen war:

Gutmensch, Schwuchtel & Alerta-Aktivist, wir haben Dir mit 20 vs. 100 gezeigt, was Fußball ist. Ihr Fotzen!

Die Aufregung dazu war groß (siehe auch die nachfolgend verlinkten beiden Pottblog-Beiträge: I und II), wie man auch beispielsweise an den Kommentaren erkennen kann.

Inzwischen gibt es eine offizielle Stellungnahme der Verursacher dazu – und da heute der 1. April ist, hofft man schon ein wenig, dass dieser Text nur ein Aprilscherz ist (was ich aber leider nicht wirklich glaube):

Vorweg noch der Hinweis, dass der BVB eine 20.000 Euro-Strafe an den DFB zahlen muss – unter anderem wegen der beiden Plakate und wegen dem Einsatz von verbotener Pyrotechnik und Knallern. Der BVB hat die Strafe akzeptiert und das Urteil wurde somit rechtskräftig. Ein etwas fader Beigeschmack bleibt hierbei – werden solche Vergehen inzwischen mit Rabatt in einen Korb gepackt und gemeinsam behandelt?

Hans-Joachim Watzke von Borussia Dortmund verlangte eine offizielle Entschuldigung (siehe hier) und versprach Sanktionen. Die offizielle Entschuldigung gibt es jetzt – zur Dokumentation in vollständiger Form:

Entschuldigung der Desperados Dortmund:

Stellungnahme: Spruchbänder gegen SV Werder Bremen

Als wir im Bundesligaspiel gegen Werder Bremen zwei Spruchbänder präsentierten, ahnten wir nicht, welch großes Echo dies nach sich ziehen würde. Im Nachhinein ist man natürlich immer schlauer und könnten wir die Zeit zurück drehen, würden wir dies sicherlich nicht noch einmal tun. Der Druck seitens der Medien und auch innerhalb der eigenen Szene überraschte uns und die teils heftigen Reaktionen können und wollen von uns nicht ignoriert werden.

Um es direkt klar zu stellen: Wir hatten niemals vor, homosexuelle Menschen zu diskriminieren! Unsere Spruchbänder waren eine – auf die Spitze getriebene – Provokation einzelner Bremer Ultragruppen gegenüber, die uns und ganz allgemein die Dortmunder Fanszene mit Nazis gleichsetzen. Wir halten fest, dass dies weiterhin dummes Zeug ist, wir waren nie eine Nazigruppe, werden es auch weiterhin nicht sein und dulden auch keine derartigen Umtriebe in unserer Gruppe.

Wir unterscheiden in unserer Gruppe weder nach Geschlecht, sexueller Ausrichtung, Religion oder nach politischen Ansichten. Unser Fanatismus gehört ganz allein Borussia Dortmund.

Seitens der Bremer Fanszene gab es immer wieder Provokationen in unsere Richtung, welche uns pauschal in eine Richtung einordnen wollten, mit der wir uns nicht identifizieren wollen. Allerdings sahen wir es einfach nicht mehr ein, uns ihnen gegenüber rechtfertigen zu müssen. Die Vorwürfe waren nun Jahrelang immer dieselben und mit diesen relativ stumpfen Bannern wollten wir uns einfach über die sich ständig wiederholenden Vorwürfe aus Bremen lustig machen, die in unseren Augen ebenfalls stumpf waren. Wir müssen aber einsehen, dass viele Menschen unseren Humor nicht teilen und es auch viel zu viele Menschen falsch verstanden haben. Wir müssen auch einsehen, dass die Präsentation dieser sehr markanten Spruchbänder vor der Südtribüne falsch war, weil der Eindruck erweckt wurde, alle Menschen auf der Tribüne stünden dahinter. Wir haben viel Kritik aus der eigenen Szene dafür erfahren müssen, auch wenn der eigentliche Sinn der Banner hier oft eher verstanden wurde. Wir stellen uns dieser Kritik und haben auch dem Verein mitgeteilt, dass uns diese Sache sehr leid tut und wir den BVB, seine Fanszene und die Kultur, die diesen Verein ausmacht, nicht in Misskredit bringen wollten.

Wir möchten nochmals festhalten, dass die daraus entstandene Hysterie für uns nicht vorhersehbar und stellenweise auch nur schwer verständlich war.

Desperados Dortmund im März 2012
Quelle: des99.de/blog

Kommentar zur Stellungnahme:

Nun ja. Es ist eine Entschuldigung. Oder zu mindestens der Versuch einer solchen. Würde das Datum 1. April drunter stehen, dann könnte man es noch als schlechten Scherz bezeichnen. Aber da als Datum März drunter steht kann dies keine Erklärung für den Text sein. Es ist schon faszinierend zu lesen, dass es anscheinend zum Humor der Verursacher gehört über Minderheiten Scherze zu machen. Nichts gegen Humor – aber so ein Humor ist nicht mein Fall. Wenn man dann noch vom fehlenden Verständnis um den Sinn der Banner liest, dann gewinnt man schon den Eindruck, als ob anscheinend alle doof außer die Verantwortlichen sind.

Dass die „Hysterie“ (die ich hier nicht sehe) nur „schwer verständlich war“, spricht jetzt auch nicht wirklich von einer Erkenntnis, so dass davon auszugehen ist, dass diese Entschuldigung (die übrigens – zumindestens momentan – die eigentliche Website komplett ersetzt) eher erzwungen erfolgte. Was ja auch der Fall ist – denn der BVB hatte eine Entschuldigung gefordert. Vielleicht hätte man noch „ernst gemeint“ dazu sagen sollen…

Interessant am Rande ist auch noch, dass der Protest vieler BVB-Fans gegen das Banner (die Gesänge „Und ihr wollt Borussen sein?“ bezogen sich ja nicht allgemein auf ggf. die Sicht versperrenden Banner an sich, sondern auf die diskriminierenden Inhalte der Banner) quasi ignoriert wurde. Aber das passt ja auch nicht zum lustigen Humor der Verursacher.

Kritik am BVB ohne Hintergrundwissen:

Direkt am Tag des Vorfalls und kurze Zeit später konnte man übrigens immer wieder Kritik am Fußball im Allgemeinen und am BVB im speziellen lesen.

Da wurde beispielsweise von Fans anderer Vereine Borussia Dortmund angegriffen bzw. allgemein der BVB oder Fußball. So beispielsweise auch von Markus Hündgen, den Veranstalter vom Webvideopreis (den ich an sich sonst schätze, und der darüber informiert ist, dass ich den folgenden Tweet hier veröffentliche):

Denn eines hat sich bei dieser Aktion gezeigt – die überwiegende Mehrheit der Fan von Borussia Dortmund verurteilt solche Äußerungen! Mag man anfangs gegen die Banner nur gewesen sein, weil man sich in der Sicht behindert fühlte, gab es große Aufregung auf der Südtribüne als die Inhalte der Banner bekannt wurden und nicht umsonst haben mehrere tausend BVB-Fans dann „Und ihr wollt Borussen sein?“ angestimmt. Es gibt sicherlich immer noch Ewiggestrige allgemein beim Fußball, sicherlich auch bei Borussia Dortmund (was ja jetzt augenscheinlich wurde!), aber man sollte nicht verallgemeinern.

Update (02.04.2012):

Der BVB hat durchgegriffen – und zwar hart, wie zuerst Sascha Bacinski von Sky Sport News HD berichtete:

In der Konkretisierung heißt es von ihm bzw. von Marcus Bark (freier Sportjournalist):

Pressemitteilung des BVB dazu:

Nachfolgend der Wortlaut der BVB-Pressemitteilung dazu:

Stadionverbot nach Beleidigungen auf Transparenten

Nach einem Gespräch mit der Ultra-Gruppierung, die für das beleidigende und homophobe Transparent verantwortlich war, das beim Spiel gegen Werder Bremen auf der Südtribüne des Signal Iduna Parks gezeigt wurde, hat Borussia Dortmund die Personen, die für die Aktion verantwortlich waren, mit der Höchststrafe von drei Jahren Stadionverbot belegt. In einer sehr intensiven Diskussion mit dem Vorsitzenden der BVB-Geschäftsführung, Hans-Joachim Watzke, zeigte sich die Gruppierung einsichtig und entschuldigte sich öffentlich für ihr Fehlverhalten [siehe den Text oben; Anm. d. Pottblogs].

„Wir haben in diesem Gespräch einmal mehr sehr deutlich gemacht“, erklärte Hans-Joachim Watzke, „dass Borussia Dortmund für Toleranz, Weltoffenheit und respektvollen Umgang mit jedermann steht. Wir verurteilen Gewalt und Rassismus und setzen uns dafür ein, dass in unserer Gesellschaft Miteinander statt Gegeneinander praktiziert wird.“

Interessant dabei ist, dass

  1. nur von einem Transparent die Rede war, obwohl es zwei waren (und auf dem zweiten wurden auch noch Frauen gegenüber sexistische Aussagen getätigt)
  2. die Höchststrafe bei so etwas nur drei Jahre beträgt – ich hätte hier eher auf ein „lebenslang“ getippt (nicht, dass ich das jetzt fordern würde)

Ich denke der BVB hat eine eindrucksvolle Reaktion gezeigt!


14 Kommentare »

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