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Jens Matheuszik — 24. Februar 2012, 06:50 Uhr

Warum werden öffentliche Bauten (z.B. RWE-Stadion Essen) immer teurer als geplant? Auch in Bochum – das Konzerthaus bzw. Musikzentrum?


Bochumer Symphonie: SpendenaktionSeit geraumer Zeit wird in Bochum Geld für das Konzerthaus Musikzentrum gesammelt, welches am Marienplatz entstehen soll. Die Bochumer Symphoniker unter Generalmusikdirektor Steven Sloane sollen erstmals eine feste Spielstätte erhalten.

Ob das jetzt sinnvoll ist oder nicht, sei mal dahingestellt (ich persönlich finde die hier veröffentlichte Erklärung, warum die Bochumer Symphoniker ein eigenes Konzerthaus eh Musikzentrum benötigen sehr schön…) – aber das ganze wird natürlich auch von den Kosten her thematisiert, denn Bochum schwimmt nicht gerade in Geld und muss ordentlich sparen, worüber auch öffentlich diskutiert wird.

Die Befürworter des Musikzentrums führen immer wieder ins Feld, dass die Kosten für die Stadt Bochum relativ gering seien, da es einerseits viele Fördermittel und andererseits viele private Spenden gibt (ich gehöre auch zu den privaten Spendern, halte mich aber – aufgrund der eher geringen Summe – weiterhin eher für neutral in dieser Angelegenheit).

Angesichts der aktuellen Debatte um die Mehrkosten für das neue RWE-Stadion in Essen frage ich mich: Warum werden öffentliche Bauprojekte oftmals teurer als geplant?

Denn gerade wenn es um große Summen geht, die irgendwie gedeckelt sind, ist es fatal, wenn es plötzlich teurer als geplant wird. Manchmal hat man schon fast den Eindruck, dass vielleicht die Kosten im Vorfeld extra etwas ‚runtergedrückt wurden, um die eigentliche Bauentscheidung besser rechtfertigen zu können. Wenn man dann mal am bauen dran ist und es plötzlich teurer wird, gibt es eh eigentlich eh kein Zurück mehr (siehe dazu beispielsweise die Kostenentwicklung der Elbphilharmonie in Hamburg).

Im WAZ/DerWesten-Artikel Ausschüsse beraten in Sondersitzung über neues Musikzentrum fand ich eine interessante Passage. Dort heißt es über den geplanten Architekten-Wettstreit:

Sieben Wettbewerbsplätze sind also noch zu vergeben. Kommen mehr Vorschläge, entscheidet das Los. Eine Preisrichtervorprüfung am 7. Mai wird Klarheit über den Qualifizierungsnachweis der Bewerber bringen. „Ein Büro, das bislang nur Einfamilienhäuser geplant hat, wird keine Chance haben“, so Kulturdezernent Michael Townsend.

Warum eigentlich nicht? Die meisten Architekturbüros die Einfamilienhäuser bauen haben einen engen Kostenrahmen, denn die Familien als Bauherren verfügen oft über eine nur begrenzte Geldsumme für den Bau. Vielleicht wäre es dann sinnvoller, wenn man solche Architekten beauftragt, die einen vorher definierten Kostenrahmen einzuhalten wissen. Aber wer weiß: Vielleicht ist das ja in den offiziellen Ausschreibungsunterlagen auch berücksichtigt (nach dem Motto: Wie viel teurer (oder günstiger) wurden die von diesem Büro geplanten Baumaßnahmen in der Vergangenheit?).

PS: So eine Festlegung vorab ist natürlich auch für die Architekturbüros suboptimal, die erstmalig größere Bauten realisieren wollen – denn wenn das immer so festgelegt wird, dann käme man ja nie zum Zuge (das klassische Henne-Ei-Problem).


9 Kommentare »

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  1. (1) Kommentar by Martin / Dimido IT @ 24. Februar 2012, 06:58 Uhr

    Dagegen hilft nur eine Gesetzesänderung im Bezug zu Ausschreibungen – im Grunde darf kein Unternehmen pleite machen, das sich um einen öffentlichen Auftrag bemüht und den Zuschlag bekommt!


  2. (2) Pingback by Der Ruhrpilot | Ruhrbarone @ 24. Februar 2012, 08:16 Uhr

    […] Geld: Warum werden öffentliche Bauten immer teurer als geplant?…Pottblog […]


  3. (3) Kommentar by Maik @ 24. Februar 2012, 10:39 Uhr

    Dazu gab es vor fast drei Jahren mal einen schönen Artikel im HB, der eine gute Zusammenfassung der wichtigsten Gründe präsentierte.
    Zum einen: man ist bei Herzensangelegenheiten oft zu (Kosten-)optimistisch und unterschätzt die Risiken. Dann werden/müssen bei staatl. Vergaben oft die auf dem Papier günstigsten Projekte realisiert werden. (Das geht ja Häuslebauern oft auch so, da wird mit heißer Nadel kalkuliert, ignoriert irgendwelche Probleme und will dann plötzlich doch noch ne Wanne drin haben…) Die unterschätzen die Kosten aber häufig am größten.
    Zusätzlich kommt evtl. noch Korruption hinzu: Da werden Aufträge maßgeschneidert und Teilwünsche rausgenommen. Später wird dann noch ein Extra nachgereicht, das dann besonders teuer ist und die Verluste bei der ursprünglichen Ausschreibung ausgleichen.
    Auch das Ausstellen von Blankochecks ist ein Grund für das Ausufern von Kosten. Das ist doch auch das Problem von Stuttgart 21. Nicht die Bahn muss die Mehrkosten tragen sondern Vater Staat. Und das ist ja kein eigenes Geld, was man da ausgibt sondern das Geld der anderen (=Bürger). Und wenn das Ding mal halb fertig ist, kann man ja schlecht sagen, so jetzt ist kein Geld mehr da, wir lassen die Bauruine jetzt so stehen. Mit Pauschalen, für 4 Mrd. müsst ihr S21 hinkriegen, Mehrkosten tragt ihr (=Baufirma etc.) selbst, würde das nicht passieren. Wahrscheinlich würde sich dann aber auch keine Baufirma finden, die sagt für 4 Mrd. ziehen wir das Ding durch…
    Bei dem Konzerthaus in Bochum (und bei anderen „Groß-Kulturprojekten“) kommt aber neben den Baukosten (selbst mal angenommen, Bochum würde hier mit dem vorgesehenen Budget auskommen) die Folgekosten, die ein riesiges Loch in die Stadtkasse reißen werden. Oder glaubt denn wirklich jemand, dass sich das Ding selber trägt? Ich glaube auch nicht, dass die zahlreichen privaten Spender nachher für den Erhalt/Betrieb fleißig weiter so spenden werden. Mal ganz ehrlich Jens, hast Du denn eingeplant auch jährlich für den Betrieb des Musikzentrums zu spenden, falls sich das nicht selbst trägt? Selbst wenn ja, glaubst Du, dass die vielen anderen Spender das en mass auch weiter tun werden? Die einmaligen Kosten für den Bau sind ja immer das eine, die Folgekosten halte ich für wesentlich problematischer – gerade aus Sicht klammer Kommunen. Und bevor man dann das Super-duper-tolle Konzerthaus wieder nach zwei Jahren dicht macht, kürzt man lieber bei kleineren Kultursachen und sozio-kulturellen Zentren zusammen.
    So ist das doch auch in Essen bei der Zeche Carl gelaufen. Hunderttausend Euro waren von der Stadt nicht aufzutreiben, aber das Grillo (oder wars die Philharmonie oder Alto?) wurde/musste mit Millionen über Wasser gehalten werden – auch weil der Intendant ordentlich überzogen hatte.
    Und mit dem RWE-Stadion ist es doch nichts anderes. Überall werden Sportstätten dicht gemacht, weil Essen das Geld fehlt, aber für einen – sorry – Viertligisten schmeißt man das Geld zum Fenster raus. Auch hier bin ich sehr gespannt, ob RWE das Stadion aus eigener Kraft unterhalten kann oder ob die Stadt Essen nicht jährlich ordentlich in die Tasche greifen muss, damit die Unterhaltskosten gedeckt werden. Bei aller Freude über ein neues Stadion, aber das betrachtet ja auch niemand…


  4. (4) Kommentar by Dirk Schmidt @ 24. Februar 2012, 14:30 Uhr

    Warum öffentliche Bauten – Bau und Betrieb – am Ende oft teurer werden, lässt sich nicht monokausal erklären. Es git verschiedene Gründe, die dazu beitragen. Lernen aus dem politischen Geschäft, hat für mich folgende Arbeitsthesen ergeben, die sicher nicht abschließend sind:

    1. Je nach dem ob die zuständigen oder beteiligten Verwaltungsvertreter das Projekt wollen, wird bereits bei der Erstellung des Projekts und Ermittlung des Kostenrahmens entweder über- oder unterschätzt. Demnach liegt eine Verzerrung der Wahrnehmung vor, da Projekte mit deutlich überschätzten Baukosten nicht realisiert werden. Entweder ist das Projekt wirklich zu teuer oder aber der Kostenrahmen wurde bewusst mehr überschätzt, um solche Projekte bei der Frage der Wirtschaftlichkeit zu benachteiligen.

    2. In der nächten Phase müssen dann die Archtitekten ran. Dabei sind die Vorgaben aus der vorherigen Phase schon bemerkenswert. Dabei gilt, dass der billigste Anbieter nicht immer der günstigste ist. Auf der einen Seite soll das Ergebnis oft imposant sein (möglichst viel fürs Geld), auf der anderen Seite soll es sparsam oder sogar in dem breits zu kleinen Kostenrahmen sein (möglichst wenig Geld). Das Ergebnis sind dann äußerst sparsame Vorgaben und Tricksereien, bei denn u. a. „Selbstverständliches“, aber nicht vertraglich „Abgsichertes“ schnell zum Extra-Wunsch wird.

    3. Sparksamkeitsdilemma 1. Die Fiktion ist in der Regel, dass der billigste auch der günstigste Anbieter ist. Abweichungen daovn sind schwierig zu begründen. Daher bekommt oft der prekärste Anbieter den Zuschlag, der den Laden gerade noch am Laufen hält und dem Liquidität akut mehr interessiert als Rentabilität. Ich hab schon erlebt, wie der Bau einer Feuerwache mehrfach ausgeschrieben worden ist, da die Firma, die jeweils den Zuschlag erhalten hatte, nach Baubeginn pleite ging. Auch wenn das Geld für den Bau nicht weg war, kamen dadurch zusätzliche Kosten zustande. Und der billigste, prekäre Anbieter ist dann oft gezwungen, anderweitig weitere Einnahmen zu generieren.

    4. Welchen Vorteil hat das ausführende Unternehmen, wenn es unter den kalkulierten Baukosten bleibt? Mehr geht immer. Und dann soll man sicht nicht wundern, wenn daran die Baustofflieferanten und sogar schon die Architekten (!) beteiligt werden. Hierin steckt ein Ansatz für Vorteilsnahme, Korruption.

    5. Sparsamkeitsdilemma 2, das sind sind die EHDA- und SOWIESO-Kosten. Es gibt sinnvolle Entscheidungen, die ein Projekt teurer machen, aber andere, ggf. sachfremde Probleme lösen. Insgesamt auf den Haushalt eines öffentlichen-rechtlichen Akteurs gesehen kann das Sinn ergeben. So wurden beim eines großen Museumshauses Kosten für „Bewachung“ wohl anhand der branchenüblichen, „günstigeren“ Tarife ermittelt. Dann wurde aber entschieden, bereits vorhandenes Personal zu verwenden, das aber deutlich besser bezahlt wird. Das ist dann für das Projekt teurer als ermittelt, aber insgesamt günstiger, denn das Personal war ja eh da bzw. es war sowieso da. Es macht ja auch keinen Sinn extra günstigere Leute einzustellen, wenn die besser bezahlten nichts zu tun haben.
    Ein anderes Beispiel: Ein neus Archiv muss her, aber gleichzeitg kann einem Konzern ein Verwaltungsgebäude abgenommen werden, um es im Zuge von Wirtschaftsförderung dazu zu bringen, seinen Sitz an Ort und Stelle zu erhalten. Der Unterhalt eines Gebäudes, das nicht als Archiv geplant war und das sogar noch umgebaut werden muss, ist dann ggf. teurer als andere Lösungen für das Teilproblem „Archiv“. Die Mehrkosten beim Posten „Stadtarchiv“ sind dann sachfremd durch „Wirtschaftsförderung“ oder „Städtebauliche Maßnahme“ entstanden. Das wird daber nie wirklich transparent.

    6. Nothaushaltsgemeinden stehen unter einem besonderen Druck, Maßnahmen zu rechtfertigen, insbesondere neu begonnene. Ihre Investitionssummen sind begrenzt, aber begonnen Projekte dürfen zu Ende geführt werden. Abbrechen begonnener Projekte ist ja fast immer mit einem Vermögensschaden verbunden. Die Haushaltsmisere führt zu den Problemen. Dazu gehört auch, dass Verwaltungen notwendige Maßnahmen auf dem Wege von Verpflichtungsermächtigungen in den nächsten Jahren (im Rahmen der mittelfristigen Finanzplanung) lösen. Darin steckt auch ein Beitrag.

    7. Dann muss auch immer beleuchtet werden, wer die Mehrkosten trägt und wem das weniger ausgegebene Geld zugute käme.

    8. Kostensteigerung durch Preissteigerung. Wie lange ist die Ermittlung der Baukosten und die Feststezung des Budgets beim Bochumer Musikzentrum (ehemals: Spielstätte, ehemals: Konzerthaus) her? Für einige Baurohstoffe gibt es zudem erhebliche Preisschwankungen (Stahl).

    9. Und da die Lage aufgrund vorher geschilderte Aspekte komplex ist, wird es auch schwierig die Baukostenerhöhungen einem Lieferanten in die Schuhe zu schieben. Allein schon bei baulichen Mängeln, drohen schwierige Auseinandersetzungen, die auch zu zeitlichen Verzögerungen führen. Selbst vor gerichtlichen Auseinandersetzungen stehende gerichtliche Beweissicherungsverfahren dauer sehr, sehr lange. Insgesamt ist geboten, besser fertige Projekte zu bestellen, aber das kann mit dem Problem verbunden werden, was dann die eigenen Bauverwaltungen machen sollen, die ja eh und sowieso da sind.

    10. Und da die Lage schon komplex ist, besteht schon keine Chance mal das Thema Haftung anzugehen, wenn bereits die Ermittlung der Baukosten fehlerhaft war. Allerdings muss dann auch jemand haftbar sein, eine Verwaltung kann sich ja nicht selber verklagen. Alternativ: Hat mal jemand was von einem Disziplinarverfahren wegen falscher Ermittlung von Baukosten gehört?

    Der Text wird noch ein separater Artikel :-)


  5. (5) Kommentar by Dirk Schmidt @ 24. Februar 2012, 14:32 Uhr

    Heute habe ich ein Projekt besichtigt, dass am Ende 4,5 Mio. € statt geschätzter 3,5 Mio. € kosten wird. Die Grünbrücke an der A31 finanziert aus dem Konjunkturpaket II.


  6. (6) Pingback by Bochum: Stuhlpaten für Schule oder Symphonie? | Ruhrbarone @ 26. Februar 2012, 09:39 Uhr

    […] das am Ende mehr als 50 Millionen Euro Kosten entstehen werden. Jens hat darüber im Pottblog einen guten Artikel geschrieben. Ich freu mich heute schon auf die schwurbeligen Begründungen, mit denen die Mehrkosten dann von […]


  7. (7) Kommentar by Jens @ 26. Februar 2012, 19:25 Uhr

    @Martin (1):
    Nur wie soll man das formulieren? Und was soll man bei einem etwaigen Verstoß machen?

    @Maik (3):
    Danke für den Linktipp!
    Bei der Sache mit dem Stadion muss man natürlich auch immer berücksichtigen, dass so etwas auch Leute anzieht, die Geld mitbringen. Ich befürchte nur, dass man das schlecht richtig verrechnen kann.

    @Dirk (4,5):
    Freue mich auf den Artikel!


  8. (8) Kommentar by Jan @ 2. Juli 2012, 14:43 Uhr

    Das öffentliche Gebäude immer teurer werden ist natürlich immer ärgerlich. Ein Grund ist aber sicherlich darin zu suchen, dass Einfamilienhäuser nahezu gleich 1.000.000 mal gebaut werden. bei öffentlichen Gebäuden ist es immer eine echte Sonderanfertigung.


  9. (9) Kommentar by Jens @ 5. Juli 2012, 12:05 Uhr

    @Jan (8):
    Okay, das ist natürlich auch ein Argument!


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