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Jens Matheuszik — 30. Dezember 2009, 09:23 Uhr

Krankenstand in Deutschland: Steigt er? Sinkt er? Bleibt er gleich?


WELTKOMPAKT vom 28.12.2009Anfang der Woche hörte ich frühmorgens Nachrichten im Radio. Eine der Meldungen lautete, dass der Krankenstand bei den gesetzlich krankenversicherten Arbeitnehmern im Jahr 2009 ((auch wenn’s noch gar nicht zu Ende ist…)) im Gegensatz zum Vorjahr 2008 zurückgegangen sei. Inzwischen seien die Arbeitnehmer im Schnitt nur noch 7,3 Tage krank, was einen Tiefwert darstellen würde.

Als Quelle wurde auf einen entsprechenden Artikel der Zeitung Die Welt verwiesen, der sich wiederum auf offizielle Statistiken des Bundesministeriums für Gesundheit berief.

Den entsprechenden Artikel las ich dann auch in der WELTKOMPAKT (siehe Abbildung) und inzwischen gibt es ihn auch online ((mit veränderter Überschrift)): Jobangst sorgt für niedrigen Krankenstand.

So weit so gut. An sich wäre das jetzt keine besondere Nachricht, außer dass es faszinierend zu sehen ist, wie viele verschiedene Medien sich auf diese eine Meldung berufen.

Doch viel interessanter ist, dass es da zum gleichen Thema andere widersprüchliche bzw. teilweise direkt gegensätzliche Aussagen gibt:

BILD vom 28.12.2009Beispielsweise berichtet die BILD-Zeitung, die ja bekanntlich aus dem selben Verlag wie die Welt kommt, in einem Artikel (den ich online nicht gefunden habe) wie folgt in einem Miniartikel mit der nebenstehenden Überschrift:

„[…] Im Durchschnitt fehlte 2009 jeder Arbeitnehmer 15,9 Tage. […] 2008 waren es noch 15,4 Fehltage. […]“

So geistern jetzt seit Anfang der Woche die verschiedensten Zahlen durchs Land. Ob jemand gerade über 7 Tage oder fast 16 Tage im Jahr krank ist – das finde ich schon unterschiedlich. Um das Chaos perfekt zu machen, wird das ganze dann auch noch regionalbezogen ausgewertet: So sind z.B. die Arbeitnehmer in Nordrhein-Westfalen häufiger krank als im Bundesschnitt ((aber vielleicht liegt das ja daran, dass es in Bayern mehr Feiertage gibt und somit die Arbeitnehmer in NRW eher die Chance haben statistikrelevant krank zu werden)).

Bei all diesen Zahlen die sich unterscheiden muss man sich wirklich fragen, welche Zahlen denn korrekt sind. Bei den einen Meldungen stammen die Zahlen von Krankenkassen bzw. ihren Verbänden ((so z.B. bei der oben erwähnten BILD-Meldung)), die anderen Zahlen stammen von der Bundesregierung ((bei der Welt-Meldung)).

Eigentlich beides Quellen, denen man trauen kann. Doch auch für diese Unterschiede gibt es Erklärungen. So berichtet das Portal haufe.de im Beitrag U1-Umlagesätze steigen – wobei der Krankenstand sinkt? darüber, dass die U1-Umlagesätze ((verkürzt: Arbeitgeber in kleinen Betrieben bekommen einen Teil der Kosten für die Entgeltfortsetzung über eine Umlage erstattet, ausführlichere Informationen gibt es im Wikipedia-Beitrag Umlage U1)) steigen, obwohl der Krankenstand angeblich sinkt.

So heißt es zur Erklärung durch eine Vertreterin einer Krankenkasse in dem Beitrag, dass die Statistik des Gesundheitsministeriums wenig aussagekräftig sei, denn:

[…] Diese vergleiche lediglich den 1. Kalendertag eines Monats mit dem des Vorjahres. „Im ersten Halbjahr 2009 lag der Monatserste in fünf Fällen an einem Wochenende oder Feiertag. Im Vorjahr war das lediglich in drei Monaten der Fall“ […] Die Statistik der gesetzlichen Krankenkassen bezieht sich dagegen auf den kompletten Monat und ist daher wesentlich aussagekräftiger. […]

Das dürfte eine Erklärung sein, warum die Zahlen so unterschiedlich sind. Wenn man vom 3. bis zum 30. eines Monats krank ist, dann ist man demnach bei der BMG-Statistik nicht krank, während man bei der Statistik der jeweiligen Krankenkasse sehr wohl als arbeitunsfähig zählt.

Der Vorteil dieses Statistikwirrwarrs liegt aber auf der Hand: Egal wofür man gerade ein Argument braucht – man hat es parat, man braucht sich nur die richtige Statistik auszusuchen… ;)

PS: Ich arbeite bei einer Krankenkasse. Aber bei keiner, die in einem der verlinkten Artikel erwähnt wird.


3 Kommentare »

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