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Jens Matheuszik — 27. November 2009, 07:23 Uhr

WAZ Castrop-Rauxel und die konstituierende Ratssitzung (oder: Qualitätsjournalismus im Lokalen)


WAZ-LogoDie Debatte über Qualitätsjournalismus geht immer weiter und es ist nicht lange her, dass beispielsweise Stefan Laurin im Ruhrbarone-Beitrag Ein paar Gedanken über Lokaljournalismus eine Lanze für guten Lokaljournalismus gebrochen hat. Für viele Leser von Tageszeitungen gehört der Lokalteil zu den wichtigsten Bestandteilen ihrer Zeitung, die sie teilweise sogar noch vor den anderen Teilen lesen. Die Lokalteile sind ein Alleinstellungsmerkmal, mit denen sich Zeitungen vom Agenturen-Einheitsbrei abgrenzen können, deren Inhalte die Leser meist am Vortag abends sowieso schon im Radio, Fernsehen und Internet kennengelernt haben.

Daher sollten meiner Meinung nach Zeitungsverlage gerade im Lokalbereich versuchen für Qualität zu sorgen. Ein Beispiel wie es daher eher nicht sein sollte, demonstrierte die Lokalausgabe Castrop-Rauxel der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) kürzlich:

Hintergrund

Am 30. August 2009 fanden in Nordrhein-Westfalen (und damit natürlich auch in meiner Geburtsstadt Castrop-Rauxel) die Kommunalwahlen statt. Bei dieser Wahl wurden die Sitzverhältnisse im Rat der Stadt Castrop-Rauxel neu bestimmt. In der ersten (der so genannten „konstituierenden“) Ratssitzung werden dann die Ausschüsse der Stadt festgelegt (welche gibt es, wie groß sind diese, wer sind die Mitglieder, wer sind die Vorsitzenden).
Normalerweise einigen sich die im Rat vertretenen Fraktionen auf eine gemeinsame Vorschlagsliste. Dies ist keine Kungelei oder so, sondern ein übliches Verfahren, da bei einem (kurzen) einstimmigen Verfahren meistens eh das selbe Ergebnis erzielt wird (da man sich entsprechend vorher abgesprochen hat), als wenn man über jeden Punkt einzeln abstimmt, die entsprechenden Wahlen durchführt usw.
Eine im Konsens tagende konstituierende Ratssitzung kann da schon mal nach einer halben Stunde vorbei sein – wenn jedoch Uneinigkeit herrscht, dann kann das schon ein paar Stunden dauern.

1. WAZ-Artikel zur Ratssitzung

Liest man sich den entsprechenden WAZ-Artikel durch, der unter dem Titel Politik legt sich fest: Ausschuss-Wahl auch bei DerWesten, dem Internet-Portal der WAZ-Mediengruppe, zu finden ist, dann ist klar, dass die konstituierende Ratssitzung in Castrop-Rauxel im Konsens abgehalten wurde:

„Gestern Abend war im Rathaus der Tag der Personalien. Es wurde festgelegt, welche Ausschüsse in die Hände welcher Parteien kommen.

Die Ausschüsse wurden gebildet, über die Verteilung der Ausschussvorsitze hatten sich die Parteien – wie berichtet – schon im Vorfeld ausgetauscht, um ein nachtlanges Hickhack zu vermeiden. Das hatten in sehr negativem Sinne Nachbarstädte vorgemacht, die sich die Nacht öffentlich mit Streitereien um die Ohren geschlagen hatten. Sie hatten sich nicht einigen können, welche Partei welchen Ausschuss bekommt.

In Castrop-Rauxel ging es gestern gesittet und erwachsen zu. […]“

Klingt doch recht akzeptabel und beschreibt das in den meisten Räten übliche Verfahren bei konstituierenden Ratssitzungen. Es gibt nur einen kleinen Haken: Der Artikel ist falsch und berichtet nicht korrekt über die konstituierende Ratssitzung der Stadt Castrop-Rauxel!

In der tatsächlich stattgefundenen Ratssitzung gab es nämlich einen Eklat, der durch zwei Politiker der UBP verursacht wurde: Ein Ratsvertreter der UBP hat – mit argumentativer Unterstützung des UBP-Vorsitzenden von der Besuchertribüne aus – den Verlauf der Ratssitzung gesprengt. Dadurch dauerte die Sitzung bedeutend länger und das sorgte dementsprechend bei den Herren und Damen Ratsmitgliedern für entsprechende Stimmung.

Die WAZ selber (der Artikel ist übrigens von der WAZ-Redaktionsleiterin selbst geschrieben) hat jedoch – jedenfalls wenn man ihren Bericht liest – eine ganz andere Ratssitzung gesehen. Jedenfalls bis zum nächsten Tag. Denn am nächsten Tag fand sich dann in den Ruhr Nachrichten (RN) der Artikel UBP führt Rat mit Chaos-Strategie vor. In diesem Artikel wurde der Verlauf der Ratssitzung dann deutlich anders beschrieben, als bei der WAZ Castrop-Rauxel.

Anscheinend liest man bei der WAZ Castrop-Rauxel aber auch die Konkurrenz und somit die RN Castrop-Rauxel und musste dann (wohl überrascht am nächsten Tag…) feststellen, dass der eigene Artikel nicht korrekt ist. Was macht man dann? Es gäbe da mehrere Möglichkeiten: Online könnte man den Artikel an die Realität anpassen und sich in der Print-Ausgabe für den Fehler entschuldigen. Man könnte auch einfach einen neuen Artikel veröffentlichen (sowohl in der Print- wie in der Online-Ausgabe) und nichts, aber auch gar nichts, zur Erklärung dazu schreiben.

Einmal darf man raten, für welche Lösung sich die WAZ Castrop-Rauxel entschieden hat:

2. WAZ-Artikel zur Ratssitzung

Im zweiten Artikel UBP und WIR sorgten für Ekat [sic!]: Zum Schluss gab’s Zoff im Rat wurde dann noch einmal die konstituierende Ratssitzung und die dortige Aufregung beschrieben. Was nicht erwähnt wurde ist jedoch viel entscheidender: Ein Grund, warum man am ersten Tag so und am zweiten Tag ganz anders über ein Ereignis berichtet.

Es sieht so aus, als ob die WAZ Castrop-Rauxel einfach keinen Reporter zur konstituierenden Ratssitzung schicken konnte und dann einfach mal vorab einen Artikel geschrieben hat. Abgesehen davon, dass es meiner Meinung nach peinlich ist, wenn seitens der Lokalausgabe der Stadt Castrop-Rauxel niemand zur ersten Ratssitzung von Castrop-Rauxel geht, finde ich es noch peinlicher, dass der offensichtliche Fehler zwar mit dem zweiten Artikel korrigiert wurde, aber die Leser völlig im Unklaren gelassen worden wurden, warum es zwei so unterschiedliche Artikel zu einem Thema gab. Es wäre der WAZ sicherlich kein Zacken aus der Krone gebrochen, wenn sie am nächsten Tag kurz eine Erklärung dazu veröffentlicht hätte. Aber stattdessen werden die Leser für dumm verkauft und man hofft wohl darauf, dass sie sich die Artikel keine 24 Stunden merken…

Ob das der viel zitierte Qualitätsjournalismus der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) ist?


6 Kommentare »

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  1. (1) Kommentar by Ulrich Voß @ 27. November 2009, 16:45 Uhr

    Ausnahmsweise nehme ich die WAZ mal (unter Umständen) in Schutz. Es könnte nämlich auch sein, dass der Text in den Redaktionsschluss fiel und daher die erste Version fertig werden musste, als noch kein Ekat ( 😉 ) abzusehen war. Daher die richtige Version einen Tag später. TROTZDEM hätte die WAZ das aber erklären müssen.
    (Ich weiss nicht, wann die Sitzung war und mglw. ist der Erklärungsversuch mit dem Redaktionsschluss auch daneben); ist ja nur so eine Idee)


  2. (2) Kommentar by Anja @ 28. November 2009, 20:13 Uhr

    Ich habe mein Abo bereits gekündigt als aus den Lokalseiten für den Kreis Recklinghausen „unser Vest“ wurde. Auch kenne ich sehr viele, die auch aus diesem Grund gekündigt haben. Vor einigen Monaten erhielt ich einen Anruf von WAZ mit der Frage, ob ich nicht doch mal wieder die Zeitung testen möchte. Ich habe abgelehnt. Ohne Lokalteil (was habe ich davon wenn 1x in der Woche ein kleiner Bericht auf den Seiten „unser Vest“ aus Waltrop erscheint?) ist für mich diese Zeitung nicht mehr informativ. Lokalpolitische Informationen aus Waltrop und Umgebung sind Mangelware in der WAZ.


  3. (3) Kommentar by Hardy Prothmann @ 30. November 2009, 19:55 Uhr

    Guten Tag!

    Schönes Beispiel, das symptomatisch den täglichen Lokaljournalismus vieler deutscher Blätter beschreibt.

    Und ein gutes Beispiel, dass es nicht nur darauf ankommt, was und wie und von wem geschrieben wird, sondern oft vielmehr, was nicht geschrieben wird.

    Einen schönen Tag wünscht
    Hardy Prothmann


  4. (4) Kommentar by Jens @ 1. Dezember 2009, 08:02 Uhr

    @Ulrich Voß (1):
    Meinen Informationen zufolge war die berichterstattende Person gar nicht bei der Ratssitzung dabei.
    Insofern ist das meiner Meinung nach schon was anderes.

    @Anja (2):
    Dann sind wir ja „Geschwister im Geiste“ – als ehemaliger Leser der WAZ in Olfen kenne ich das Problem mit „Unser Vest“ selbst auch sehr genau.

    @Hardy Prothmann (3):
    Wobei das „was nicht geschrieben wird“ in diesem Fall nicht soo der Aufhänger ist. Ich finde es eher interessant, dass man von Terminen berichtet, wo man anscheinend gar nicht selber dabei war.


  5. (5) Kommentar by Ulrich Voß @ 1. Dezember 2009, 11:04 Uhr

    Es war ja auch nur eine Vermutung von mir.

    Ich habe den kritikschreibenden Theaterbeobachter der WAZ Oberhausen auch schonmal die ganze Premiere laut schnarchend erlebt und am nächsten Tag die Kritik vom ihm in der WAZ gelesen. Da fragte ich mich auch, wer die Kritik geschrieben hat. Er selbst ohne dass er das Stück gesehen hat? War er vielleicht bei einer Probe? Oder hat er nur seinen Namen drunter gesetzt?

    Man zweifelt da schon, warum man da noch jeden Monat Geld hin überweist …


  6. (6) Kommentar by Jens @ 1. Dezember 2009, 21:52 Uhr

    @Ulrich Voß (5):
    Das hätte ich mal offiziell angefragt. Da wäre die Antwort sicherlich spannend gewesen.


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