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Jens Matheuszik — 8. Dezember 2008, 07:05 Uhr

Zahlen zur geplanten WAZ-Axt (Stellenabbau WAZ-Mediengruppe)


(dies ist ein Beitrag aus der Beitragsserie
13 Monate DerWesten / Die WAZ-Krise)
 

Solikerzen zur WAZ-KriseWie bereits mehrfach hier im Pottblog berichtet fand am vergangenen Freitag eine Betriebsversammlung in der Essener Lichtburg statt, bei der die genauen Pläne zur Restrukturierung der WAZ-Mediengruppe vorgestellt werden sollten. Kurz vorher wurde bekannt, dass rund 260 Stellen abgebaut und einige Lokalredaktionen geschlossen werden sollen.

Die Mitarbeiter erhofften sich jetzt Klarheit über die Pläne und insbesondere die Aussage, dass auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet wird.

Um es kurz zu machen:
Es gab weder die gewünschte Klarheit, noch fiel der Satz, dass auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet werden soll. Zwar wurde seitens Bodo Hombach, einem der beiden Gruppengeschäftsführer, erklärt, man wollte den gesamten Prozess so sozialverträglich wie möglich gestalten, aber ein Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen wurde nicht erklärt. Wobei man sich dann auch fragen müsste, inwiefern eine solche Aussage im Zweifelsfall rechtlich bindend ist.

Wer im WAZ-Protestblog den Beitrag Überwiegend Enttäuschung: Kündigungen nicht vom Tisch sich durchliest (und insbesondere auch die Kommentare dort), der stellt fest, dass eine solche Aussage schmerzlich vermisst wurde.

Dem Pottblog liegen einige Informationen vor, wie sie in der Betriebsversammlung anscheinend mitgeteilt worden sind:

Die von der WAZ-Geschäftsführung beauftragte Unternehmensberatung Schickler empfahl der Geschäftsführung anscheinend ursprünglich die Westfälische Rundschau (WR) komplett einzustellen, was jedoch seitens der Geschäftsführung abgelehnt wurde. Vielleicht auch nur, um bei den Sparmaßnahmen immer noch sagen zu können, dass man es ja eigentlich viel drastischer hätte machen können oder müssen.

Schickler hat zwar anscheinend für jeden einzelnen Standort der WAZ-Mediengruppe im betroffenen Gebiet ein Konzept, dieses Konzept konnte jedoch „aus Zeitgründen“ nicht präsentiert werden. Vielleicht auch deswegen, weil dann der geballte Unmut der Mitarbeiter der vielen Lokalredaktionen sich geäußert hätte?

Reduzierung der Mantelredaktionen

Aufgrund des neuen „Content Desks“, der zentral in Essen die Artikel für WAZ, NRZ und WR bereitstellen soll (die WP ist bei diesem Modell außen vor), wird es bei den Mantelredaktionen zu Reduzierungen im deutlichen zweistelligen Bereich kommen.

Der neue „Content Desk“ in Essen soll rund 80 Redakteure aufweisen, die drei Titel WAZ, NRZ und WR bekommen jeweils ein Dutzend „eigene“ Mantelredakteure und die WP wird ihren „Heimatzeitungsmantel“ mit knapp drei dutzend eigenen Redakteuren erstellen. Summa summarum soll damit laut den Informationen, die dem Pottblog vorliegen, eine deutlich zweistellige Anzahl von Mitarbeitern im Mantelbereich abgebaut werden.

Streichungen im Lokalen

Im Lokalbereich soll es auch zu deutlichen Streichungen kommen. Während z.B. die WAZ momentan noch über 200 Lokalredakteure in ihren Reihen hat sollen es nach den jetzigen Planungen demnächst nur noch rund 120 sein. Bei der NRZ reduziert es sich ungefähr um ein Drittel von derzeit knapp über 90 auf dann knapp über 60, die WR wird von rund 160 Lokalredakteuren gerade noch ungefähr 100 behalten und bei der WP soll die Anzahl von ca. 100 Lokalredakteuren auf um die 70 gekürzt werden.

Die Bildredakteure (vulgo „Fotografen“) wurden von der Unternehmensberatung bisher nicht den Lokalredaktionen zugerechnet, sondern den „Sachkosten“ und über diese Thematik müsse „noch gesondert verhandelt werden“.

Rechnet man das ganze zusammen, dann sieht man, dass der von der Süddeutschen Zeitung genannte Stellenabbau von 260 Stellen sogar noch ein wenig übertroffen wird und zum größten Teil im Lokalen sich auswirken wird.

Dies sieht man auch an den geplanten Einsparungen in Euro – im Mantelbereich sollen 7,6 Millionen Euro gespart werden, bei der Herstellung (Papierkosten etc.) rund 5,5 Millionen Euro – und im Lokalbereich 14,5 Millionen Euro.

„Ganz schlechter Film“

Bei vielen Teilnehmern soll die Veranstaltung wie ein ganz schlechter Film aufgefasst worden sein, vor allem weil die essentiellen Fragen (betriebsbedingte Kündigungen, Standortkonzepte) nicht bzw. nicht zufriedenstellend beantwortet wurden. Ansonsten blieben die betroffenen Mitarbeiter zum größten Teil ruhig, wobei wohl Bodo Hombach sich über einen Redebeitrag von Michael Konken, dem Vorsitzenden der Journalistengewerkschaft DJV, aufgeregt haben soll. Dieser widersprach nämlich der Gruppengeschäftsführung und sagte sinngemäß, dass die einzelnen Titel nicht unabhängig bleiben udn somit ein „Einheitsbrei“ entstehen würde, der die Pressevielfalt zerstören würde.

Dies sah Bodo Hombach wohl nicht so, dem außerdem die Aktion „WAZ-Axt“ und das WAZ-Protestblog nicht gefallen, da damit die Marke „WAZ“ beschädigt werden würde…

Kommentar

Schon merkwürdig – da wird lange eine Betriebsversammlung angekündigt und dann gibt es doch keine genauen Pläne. Weil die Zeit nicht reicht. Ah ja. Dann muss halt so eine Versammlung länger als vier Stunden dauern. Aber vielleicht ist es ja einfacher den betroffenen Lokalredaktionen vor Ort das geplante Schicksal zu eröffnen als bei einer Betriebsversammlung wo sich nachher noch die unzufriedenen Mitarbeiter von mehreren betroffenen Lokalredaktionen solidarisieren und vielleicht für etwas Protest sorgen. Das hätte man als Geschäftsführung eigentlich aushalten müssen – schließlich wurde ja auch ein Sicherheitsdienst engagiert…

Das gerade im Bereich des Lokalen soviel Stellen gestrichen werden sollen ist meiner Meinung nach der absolut falsche Weg. Wenn man mal die Leser der WAZ befragt (und ich denke bei NRZ, WR und WP wird es nicht anders sein), dann liest ein Großteil die Lokalzeitung wegen des Lokalteiles. Wer sich überregionaler informieren will, der hat entweder eine weitere Zeitung oder kann sich auch via Radio, Fernsehen und Internet sehr gut informieren. Die Lokalkompetenz ist jedoch das, was die Zeitungen der WAZ-Mediengruppe bisher ausmachte und was jetzt durch die geplanten Streichungen deutlich in Gefahr gerät.

Natürlich kann ein „Content Desk“-Modell die Qualität der Mantelteile erhöhen – nur: Hat das überhaupt seinen Reitz und Sinn? Da wohl gerade die Lokalteile under Lokalsport für viele Leser das interessanteste an der Tageszeitung sind, dürfte die Qualität des Mantelteiles eher unwichtig sein. Natürlich heißt das nicht, dass man darauf verzichten sollte – aber wenn sich WAZ & Co. nur noch darüber definieren sieht es angesichts von der Medienkonkurrenz sehr schlecht aus – denn dahingehend gibt es mehr als genug Alternativen. Dass diese zum Großteil besser sind, sei mal nur am Rande erwähnt.

Eigentlich wundert man sich, dass man nicht aus den Erfahrungen im sogenannten „Vest“ lernt – im Kreis Recklinghausen wurden zahlreiche Lokalredaktionen geschlossen und eine neue Regionalredaktion geschaffen die einen „Regionalteil“ namens „Unser Vest“ erstellt. Die Leser haben auf dieses „gute Produkt“ (so jedenfalls mal die Aussage eines Verantwortlichen aus der WAZ-Chefredaktion) reagiert – mit zahlreichen (angeblich im hohen vierstelligen Bereich) Abbestellungen des Abonnements. Ob jetzt ähnliches bei den neuen Umstrukturierungsmaßnahmen droht kann man natürlich – ohne eine verlässliche Kristallkugel – nicht sagen. Die Lehre aus dem Vest sollte jedoch sein, dass man Lokalredaktionen stärkt und sie nicht dezimiert.

Auch bei WAZ NewMedia, den Verantwortlichen für die Seite DerWesten.de, dürften diese Planungen nicht auf Gegenliebe stoßen. Schließlich scheint man dort primär Zugriffszahlen im lokalen Bereich zu erzielen, denn z.B. im Februar 2008 war der Abstand zum Mitbewerber rp-online.de sehr gering aufgrund der intensiven Karnevalsberichterstattung in den Lokalteilen. Man kann sich selber vorstellen, inwiefern in den dann geschrumpften Lokalredaktionen noch Arbeit in den Onlineauftritt investiert wird. Und nur mit dem Mantelbereich wird DerWesten sicherlich nicht Besucher anziehen – denn da gibt es schließlich mit SPIEGEL Online & Co. zahlreiche andere Angebote die oftmals auch viel aktueller sind.

Episoden der Beitragsserie 13 Monate DerWesten / Die WAZ-Krise

  1. 13 Monate DerWesten / Die WAZ-Krise

8 Kommentare »

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  1. (1) Kommentar by Jens @ 8. Dezember 2008, 07:05 Uhr

    Aus technischen Gründen ist dieser Beitrag leider etwas später als geplant erschienen.


  2. (2) Pingback by 6 vor 9: WAZ, Redakteurspflege, TV 3.0 » medienlese.com @ 8. Dezember 2008, 08:54 Uhr

    […] 2. “Zahlen zur geplanten WAZ-Axt” (pottblog.de, Jens Matheuszik) Auch Jens Matheuszik berichtet über die Veranstaltung: “Dem Pottblog liegen einige Informationen vor, wie sie in der Betriebsversammlung anscheinend mitgeteilt worden sind.” […]


  3. (3) Pingback by 50hz - Werkstatt für Netzkommunikation » Blogarchiv » NWZ: Das geht online nicht! @ 8. Dezember 2008, 15:43 Uhr

    […] wenn die in Selbstzerfleischung befindliche WAZ-Mediengruppe ohne Frage ein spannenderes Studienobjekt ist, als die in meiner neuen […]


  4. (4) Pingback by WAZ-Strategie: Meinung als bloße Ware » medienlese.com @ 19. Februar 2009, 11:55 Uhr

    […] “Zahlen zur geplanten WAZ-Axt” (12.8.2008) “Dem Pottblog liegen einige Informationen vor, wie sie in der Betriebsversammlung anscheinend mitgeteilt worden sind.” […]


  5. (5) Pingback by WAZ-Betriebsversammlung: Was für eine Scheiße! » Pottblog @ 4. März 2009, 23:27 Uhr

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  6. (6) Pingback by Zerschlagt die Lügenkonzerne der Milliardäre >> Lügenkonzerne, Demokratie, Milliardäre, Lügen, Journalismus, Erzeugnisse, Propaganda, Deutschland >> Womblog [Worte oder mehr] @ 15. Juli 2009, 07:59 Uhr

    […] der Lügenkonzerne gibt es dann wie gewohnt bei BooCompany, im Parteibuch Ticker und in vielen anderen Blogs. Quellennachweis: Mein Parteibuch Blog. Dieser Beitrag steht unter einer […]


  7. (7) Pingback by Relaunch der “Heimatzeitung” Westfalenpost: Interner Testlauf der WAZ-Mediengruppe? » Pottblog @ 20. September 2009, 16:44 Uhr

    […] (WAZ), Neue Ruhr / Neue Rhein Zeitung (NRZ) und Westfälische Rundschau (WR)) nicht den neuen Content Desk der WAZ-Mediengruppe, sondern gestaltet und schreibt ihre Inhalte selber. Sie wird jetzt als […]


  8. (8) Pingback by Gehört demnächst auch die Westfalenpost (WP) zum zentralen Content Desk der WAZ-Mediengruppe? » Pottblog @ 27. Mai 2011, 00:03 Uhr

    […] / Neuen Rhein Zeitung (NZR) – mit dem neuen zentralen Content Desk in Essen (siehe dazu auch diesen Beitrag) nichts zu tun. Dies wurde auch immer wieder dem damaligen Chefredakteur Bodo Zapp zugeschrieben, […]


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