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Jens Matheuszik — 1. Dezember 2008, 06:23 Uhr

Interview mit Don Alphonso über 13 Monate DerWesten


DerWestenUngefähr dreizehn Monate ist es jetzt her, dass die WAZ-Mediengruppe endlich mit dem lange angekündigten neuen Internet-Portal online gegangen ist.

Unter dem Namen DerWesten sind seit dem 28. Oktober 2007 die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ), die Neue Ruhr / Neue Rhein Zeitung (NRZ), die Westfälische Rundschau (WR), die Westfalenpost (WP) und die Iserlohner Kreis-Zeitung (IKZ) gemeinsam im Internet vertreten.

Anlässlich des Geburtstages von DerWesten habe ich per eMail ein Interview mit Don Alphonso, u.a. bekannt von seinen Blogs Blogbar und Rebellen ohne Markt, zum Thema durchgeführt:

Jens Matheuszik: Inzwischen ist DerWesten ein Jahr alt. Du hast Dich in der Blogbar oftmals kritisch gegenüber DerWesten geäußert. Was sagst Du zum – bisher vom Westen selbst nicht entdeckten – Jubiläum?

Don Alphonso: Ich öffne die Seite, und sie lädt, nachdem sie sich an den Inhalten krank geladen hat, sich am Twitter-Widget tot. Wie vor einem Jahr, nur schlimmer. Das Ganze wirkt immer noch wie ein billiger, überladener Abklatsch von Spiegel Online, der Mutter aller billigen, überladenen Gossenformate im Internet. Der Westen, die versiffte Trinkhalle unter den Medienangeboten, schlampig, laut, viel Gelaber, keine Substanz.
Angesichts des Ziels hoher Qualität und Trendsetting im Bereich Lokaljournalismus, mit dem man vor einem Jahr angetreten ist, ist das Ergebnis so ernüchternd, dass ich den Machern zum Jubiläum eher eine Flasche Wodka denn Champagner anraten möchte.

Jens Matheuszik: Gibt es denn irgendetwas, was Dir am Portal DerWesten gefällt?

Don Alphonso: Ich habe mir das heute einen Tag lang angeschaut. Relativ zu anderen Onlinemedien gesehen „gefällt“ es mir, dass dort nicht versteckte Klickstrecken dominieren, und die Kommentare zugelassen sind. Aber die „Weisheit der Astrologie“ oder die „Die schönsten Pistenjungs 2009“ sind nur ein paar Beispiele für die Grenzwertigkeit. Dass es ein paar Brocken Lokales gibt, ist kein Verdienst. Sagen wir mal so: Es gibt für mich keinen Grund, das zu lesen, und die werden schon wissen, warum sie so massiv Traffic über Google zukaufen müssen.

Jens Matheuszik: Wenn ich fies wäre, würde ich schon behaupten, dass es ein Verdienst ist, dass dort was Lokales steht. Manchmal verschläft man da ja was
Du siehst das jetzt natürlich von Deiner südlichen Sichtweise – ich denke DerWesten widmet sich eher an die Leser im Westen. Du erwähntest ja gerade die Kommentare. Ich möchte Dich mal selber zitieren und zwar aus dem Interview im Pottblog zum DerWesten-Kulturblog Westropolis, wo Du gesagt hast, dass das besondere am Bloggen die Kommunikation sei, da man Einwegkommunikation bereits in den vergangenen 500 Jahren gehabt hätte.
Getreu dieser Devise müßtest Du eigentlich mit dem Westen doch zufrieden seien, oder? Die Kommentierungsfrequenz dort ist inzwischen schon recht hoch – vor allem im allgemeinen Mantelteil, nicht so sehr in den Blogs.

Don Alphonso: Der Westen hat gerade einen Beitrag über das neue Urteil zu Hartz IV auf der Website – eine Übernahme von dpa. Darunter sind aktuell 26 Kommentare. Und natürlich keine Reaktion vom Westen, bei dem es nur einen Onlinesteller gibt.
Da hat man also neben der Einwegkommunikation der dpa-Übernahme durch den Newsdesk und der Einwegkommunikation der Vermeldung dieser Nachricht auch noch die Einwegkommunikation der Leser. Ich dachte eher an einen Dialog zwischen Lesern und Schreibern, die sich selbst Gedanken gemacht haben. Und nicht einen Platz für etwas Lesergequassel a la Heise unter Zeug, das man irgendwo gekauft hat.

Jens Matheuszik: Im Blogbar-Beitrag Fünf Blogideen zum Klauen für Verleger schreibst Du, dass man von DerWesten und insbesondere seinen Blogs lernen solle, in dem man nichts aber auch gar nichts von dort übernehmen soll. Ist das angesichts von Das fliegende Auge, WestSite, dem MSV Blog und Ingeborch nicht etwas hart? Das sind meiner Meinung nach schließlich recht gute Blogs.

Don Alphonso: „Ganz gut“ hilft nicht, wenn man vorne mitspielen will. „Ganz gut“ ist relativ.
„Das fliegende Auge“ kann meines Erachtens vor lauter Anspuch nicht laufen und produziert Müll auf Niveau eines offenen Kanals, Westsite ist relativ zu den Bemühungen anderer Medien sehr schwach, und ich habe den Eindruck, dass da jemand mehr die Website realclearpolitics denn eigene Ideen zur Grundlage seines Zuns erklärt. Machen andere auch, aber im Obama-Overkill ist es ziemlich egal, was der Westen da noch beizutragen versucht.
Zu Sport habe ich keine Meinung, aber bei Ingeborch habe ich den Eindruck, dass ein paar DerWesten-Mitarbeiter mit aller Kraft versuchen, etwas Kultiges aus dem Boden zu kommentieren, wozu aber weder die Autorin noch ihre Thematik ausreicht. Damit ist DerWesten nicht alleine, sowas versuchen auch die Küchengötter und MC Winkel und viele andere Leute ohne Talent und Können. Und selbst, wenn es Unterschiede in der Qualität der Westenblogs gibt:
Warum redet man nicht mal über das Gossenblog „reich und schön“ oder die lahmen Läuferblogs oder die mühsam befüllten Kickerblogs oder den Aussieg von Leggewie oder die Arroganz vom Westen, 300 Euro für ein Monat Bloggen anzubieten und zu glauben, dafür käme irgendwas, das sich von ihrem sonstigen Niveau der Myblog-Blogs abhebt?

„Gut“ finde ich die Blogs nur insofern, als sich mal wieder zeigt: Miese Journalisten wirken in Blogs genauso schlecht und inkompetent wie schlechte Blogger. Aber das hätte nicht der Bestätigung von ein paar Dutzend Hilfsschreibern bedurft.

Jens Matheuszik: Woran liegt es denn Deiner Meinung, dass Journalisten eher schlecht beim Bloggen sind?

Don Alphonso: Die haben keine Erfahrung – ausser ihrer Verachtung – für Kommunikation auf Augenhöhe. Die wollen nicht reden, die wollen senden. Das ist ein anderes Konzept. Sie wollen auch nicht erzählen und schon gar nicht zuhören. Keiner zahlt was für zuhören, also tun sie es nicht. Ausserdem muss man als Blogger anders formulieren können, gewissermassen herabsteigen von der eingebildeten Sprachkompetenz, und damit tun sich Gewohnheitstiere nun mal schwer. Blogger verachten ist leichter.

Jens Matheuszik: Nehmen wir an Du wärest für DerWesten verantwortlich – was wären Deine ersten Amtshandlungen dort?

Don Alphonso: Überlegen, was sich seit dem Konzept von vor drei Jahren geändert hat, und dann anders gewichten.
Ich mag Blogs, aber den Blogschrott beim Westen kann man getrost abschaffen und die zwei, drei halbwegs fähigen Leute dazu verdonnern, ihre Blogs besser zu machen.
Vielleicht würde man auch besser fahren, wenn man den Anspruch auf „das“ Ruhrgebietsportal aufgeben würde und anfangen könnte, sich als Dienstleister im Internet zu begreifen.
Die Community ist gescheitert, das vom Nutzer gestaltete Geotagging sinnlos – also weg damit. Ausserdem ist die Website entsetzlich überladen – ich würde eine Konzentration auf das Wesentliche bevorzugen, das dann aber mit wirklich fähigen Kollegen intensiv beackern.
Bestes Beispiel für das Versagen des Westens ist die Krise von Opel und Ford, wo das Ende droht. Wenn die in so einer Lage keinen klugen Schwerpunkt, sondern die TV-Kritik für Beckmann bringen, brauchen sie sich nicht wundern, wenn der Westen nur Ambitionen, aber keine brauchbaren Ergebnisse vorweisen kann.

Jens Matheuszik: Vielen Dank für das Gespräch!


21 Kommentare »

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