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Jens Matheuszik — 9. November 2008, 10:23 Uhr

Barack Obama, die Bedeutung für Wahlkampf in Deutschland usw.


Inzwischen dürfte wohl fast jeder mitbekommen haben, dass Barack Obama der designierte nächste US-Präsident ist (der Terminus president-elect gefällt mir übrigens besser als designiert).

Mit dieser Entscheidung der Amerikaner kann ich recht gut leben – die Alternative McCain mitsamt einer Vizepräsidentin Palin ist doch zu schrecklich gewesen. Meine erste Wahl wäre zwar eigentlich Hillary Clinton gewesen, aber das hat ja leider nicht geklappt.

Mangelnde Politikbegeisterung schuld der Medien?
Faszinierend fand ich jedoch, dass der US-Wahlkampf (und auch der Vorwahlkampf) in Deutschland medial so begleitet wurde, wie es meines Wissens bisher niemals der Fall war. Dabei war der Tenor eigentlich grundsätzlich positiv. Das einzige was kritisiert wurde war eigentlich die Tatsache, dass im US-Wahlkampf sehr viel Geld ausgegeben wird, was man ja angeblich viel besser nutzen könnte. Nur: Die vielen Spender, die die Kampagnen der Kandidaten finanzierten, wollen halt lieber eine Summe von US$ X ihrem Kandidaten für den Wahlkampf zukommen lassen, als diese für etwas wirklich sinnvolles zu investieren. Wobei natürlich die Frage ist, ob eine Wahlkampfspende nicht auch sinnvoll ist.

Persönlich kann ich mich an zahlreiche Gespräche rund um die US-Wahlen erinnern, vor allem zum Ende des Wahlkampfes hin. Fast selbstverständlich schaut man sich auch US-Beiträge z.B. aus Saturday Night Live an und lacht über eine Sarah Palin, die hierzulande wahrscheinlich zehnmal bekannter als Thorsten Schäfer-Gümbel (Gegenkandidat von Roland Koch bei der kommenden Landtagswahl in Hessen) ist.

Als jemand der politisch aktiv und interessiert ist, freut es mich natürlich, wenn man eine solche Politikbegeisterung hierzulande erblicken kann.

Nur: Ich befürchte, dass diese Politikbegeisterung sich nicht auf Wahlen hierzulande übertragen lässt. Warum das so ist kann ich mir nicht unbedingt erklären, denn eigentlich müsste die Leute das was sie eher persönlich betrifft, doch viel eher interessieren.

Eventuell ist es jedoch zum Teil auch den Medien zu verdanken: Hierzulande wird es gleich als negativ ausgelegt, wenn es in einer Partei Meinungsverschiedenheiten oder – so ungefähr ab Landesebene – Kampfkandidaturen gegeneinander gibt.

So wurde z.B. letztes Jahr der Kampf um den CSU-Parteivorsitz zwischen Erwin Huber und Horst Seehofer in den Medien eher negativ dargestellt. Dass jetzt im Endeffekt dann doch der andere Kandidat langfristig gewonnen hat ist zwar eine andere Sache, aber während man hierzulande den Unterschied zwischen einer primary und einem caucus lernt, um zu verstehen, wie die Vorwahlen in den USA ablaufen, wird es hier als kritisch gesehen, wenn mehr als eine Person für ein Spitzenamt zur Verfügung steht.

Und während in Deutschland die Parteien insgesamt doch recht homogen erscheinen und inhaltliche Unterschiede zu fulminaten Richtungsstreiteren hochgeschrieben werden, ist in den USA sowohl bei den Demokraten als auch bei den Republikanern das inhaltliche Spektrum innerhalb der Parteien viel größer. Ist ja auch logisch, da man hierzulande doch mehr Parteien hat als in den USA, so dass notgedrungen dort mehr verschiedene Richtungen in einer Partei versammelt sein müssen.

Gibt es 2009 den Wahlkampf 2.0?
Der Frage, ob in Deutschland ein Internet-Wahlkampf wie der von Barack Obama möglich sei, geht netzpolitik.org im verlinkten Beitrag nach, und meiner Meinung ist das eher schwierig.

Zwar werden im kommenden Wahljahr wohl deutlich mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten einen Internet-Zugang haben, aber das „neue“ Internet wird wohl weiterhin eher eine Nischenrolle in den Wahlkampf-Planungen der Parteien spielen. Die Erfahrungen, die ich vor einigen Jahren bei dol2day, der größten deutschsprachigen Politik-Community, machen konnte, zeigen leider, dass das Netz für Parteien noch ein Fremdwort ist.

Eine Liste mit 10 Thesen warum man hierzulande nicht einfach den Obama machen kann findet man bei Politik-Digital (gefunden via Sebastian Reichel).

Es gibt zwar sicherlich begrüßenswerte Ansätze und hier möchte ich vor allem das soziale Netzwerk meineSPD.net nennen, welches einen ersten Weg in die richtige Richtung weist – und mir natürlich vor allem deswegen bekannt ist, weil ich nicht nur in dem Netzwerk, sondern auch bei der SPD Mitglied bin. Doch auch andere Parteien respektive Fraktionen werden dahingehend immer aktiver: So gibt es seitens der FDP-Fraktion einen Blog und Accounts bei flickr, twitter und YouTube. Das ist meiner Meinung nach schon mal ein Schritt. Wobei z.B. der Twitter-Account FDP_Fraktion meiner Meinung nach nicht vernünftig genutzt wird, da dort eigentlich nur im Stil von Pressemitteilungs-Überschriften berichtet wird. Da sind dann Volker Beck oder Ralf Stegner bessere Beispiele. Aber ein Dienst wie twitter bietet sich sowieso meiner Meinung nach eher für „echte“ Personen und nicht für Gruppen oder Institutionen an.

Zu befürchten ist jedoch, dass angesichts der Wahl kurzfristig irgendwelche Netzangebote aus dem Boden gestampft werden, deren Halbwertzeit ungefähr bei einem Bruchteil der sicherlich immensen Honorare für die beauftragten Internet-Agenturen liegen wird und die spätestens mit dem Wahltag aufhören zu existieren. Beispiele dafür gibt es seit den letzten Bundestagswahlen leider genügend.

Ich denke Nico Lumma hat recht, der Folgendes vermutet:

„Meine These ist, dass 2009 in Deutschland das Netz nur als Abspielstation verwendet wird, wobei Engagement und Diskussion sicherheitshalber vermieden werden, begründet mit dem nötigen finanziellen Einsatz, obwohl die Angst vor dem Kontrollverlust und das Unverständnis über die Wirkungsweise von Social Media eine viel größere Rolle spielen.“

Ich fände es gut, wenn er unrecht behalten würde. Wenn sich die Bürger hierzulande für die Wahlen (ja, auch für die angeblich so unwichtigen Europawahlen, obwohl sie doch deutlich wichtiger sind als alle glauben) interessieren und für ihre politische Überzeugung engagieren.


7 Kommentare »

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