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Jens Matheuszik — 12. Juli 2007, 02:23 Uhr

Nasse Gartengespräche über Medienjournalismus 2.0 07 (aktualisiert)


Hinweis: Man beachte bitte auch diesen Beitrag!

Gestern war ich bei den Rolandsecker Gartengesprächen, die der Verlag Rommerskirchen in Zusammenarbeit mit der Grimme Akademie veranstaltet hat, zu Gast, genauer gesagt in der Stadt Remagen – was anscheinend niemand erraten hat. So ganz habe ich auch nicht erraten, warum ich überhaupt eingeladen war…

Faszinierenderweise kam ich sogar trocken an, was insofern ungewöhnlich war, als dass es eigentlich den gesamten Nachmittag/Abend hindurch immer wieder regnete. Aber dafür hatte der Sitzbereich ja ein riesiges Zeltdach.

Obwohl ich davon ausging, niemanden dort zu kennen, gab es doch einige bekannte Gesichter, wie z.B. Daniel Fiene und Thomas Knüwer – und mit Franziska lernte ich auch jemanden kennen, deren Blog Franziskript ich gelegentlich lese.

Die Rolandsecker Gartengespräche (eindrucksvoller Name übrigens) standen unter dem Motto „Medienjournalismus 2.0 07“ und in die nachfolgend genannten Podiumsgäste gingen in ihren Kurzreferaten darauf ein:

Ich habe nachfolgend mal einige der interessantesten Aussagen aufgelistet – ich weise darauf hin, dass es sich mitnichten bei allen Aussagen um wörtliche Zitate handelt, sondern die Aussagen teilweise sinngemäß wiedergegeben werden:

(etwaige Anmerkungen habe ich in kursiver Schrift dazu gesetzt)

Henry Lübberstedt:
Redaktionsleiter stern.de: „Draufgängertum oder Zukunftssicherung? Die Online-Offensiven der Verlage“

„Wir haben beschlossen auf die alten Stern-Tugenden auch Online zu setzen. Das heißt wir brauchen Qualität.“
Ich frage mich gerade, ob Thomas Knüwer schon da war, als diese frühe Aussage fiel… ich erinnere mal an diesen Beitrag.

„Es reicht nicht aus, wenn man sich auf User Generated Content verlässt. Es reicht auch nicht aus, wenn man Agenturticker abgreift.“

„Inzwischen werden in immer mehr Verlagen mehr Investitionen getätigt. Der Stern wird – auch wenn die Verlagsmanager stöhnen – auch neue Leute einstellen.“

„Der Unterschied zu damals (vor 10 Jahren) ist, dass diesmal auf Qualität gesetzt wird. Damals wurden nur Agenturmeldungen von Content Managern ins Netz gesetzt.“

„Bei den Einstellungen unterscheiden wir nicht mehr zwischen Online- und Printredakteuren.“

„Es gibt nichts, was nur spezifisch online klappt.“
Hmm… die direkte Interaktion mit den Lesern (durch Kommentare) gibt es in dieser schnellen Form nur online. Leserbriefe erscheinen höchstens in einer der nächsten Ausgaben und sind damit alleine schon räumlich vom „eigentlichen“ Bezugsobjekt getrennt. Meiner Meinung nach einer der großen Vorteile im Internet – wenn ich einen Beitrag dort kommentiere, können auch andere Leser des Beitrages den Kommentar nicht nur lesen, sondern auch sofort den Bezug verstehen – denn der eigentliche Beitrag ist ja direkt da drüber angeordnet. Oder kramt hier jemand z.B. bei Leserbriefen in einer wöchentlich erscheinenden Zeitschrift die jeweilige vorherige Ausgabe ‚raus?

„Ein selbstgeschriebener Artikel wird 3x mal mehr geklickt als eine Agenturmeldung.“

„Man kommt bei Online nicht drum rum eine eigene Redaktion aufzubauen.“

„Es gibt Verbindungsredakteure, wo Online-Redakteure in den Print-Redaktionen sitzen, um abzuklären, ob man Print-Artikel auch für Online verwenden kann.“

Thomas Lückerath:
Chefredakteur dwdl.de: „Redaktionsschluss rund um die Uhr – Fallen und Vorzüge von Onlinemedienjournalismus“

„Die Vorteile von Onlinemedien sind: Viel Platz, alle möglichen technischen Mittel.
Die Nachteile von Onlinemedien sind: Viel Platz, alle möglichen technischen Mittel.

Konnte man früher einen Artikel noch mit der Begründung ‚das passt nicht mehr auf die Seite‘ ablehnen geht das jetzt nicht mehr.“

„Onlinemedien sind manchmal zu schnell… manche Themen, die schon online gebracht worden sind, kommen im Print erst ein oder gar zwei Tage später. Dann muss man sich fragen, bringen wir dieses Thema nochmal, nur weil es von einem Medium aufgrund dessen veralteten Produktionsmethoden jetzt erneut bekannt wurde?“

„Was DWDL bedeutet sage ich jetzt nicht…“
… und später auch nicht, schade… 😉

Steffen Grimberg:
Medienredakteur der tageszeitung: „Jetzt wird zurückgeschossen – die neue Dünnhäutigkeit“

Der Moderator stellte Steffen Grimberg vor, der zwar nicht der taz-Medienredakteur ist, aber für viele das personifizierte „Flimmern und Rauschen“ (so heißt die entsprechende taz-Rubrik) darstellt.
Moderator: „Die taz-Medienseite wird ja sehr ernst genommen“
Grimberg: *Raunen*
Moderator: „Oder alle tun wenigstens so…“

Moderator: „Bloggereien – das ist das was früher Kloppereien waren…“

„Springer ist noch zu sehr im Printbereich verhaftet. Bei der Kolumne von Alan Posener haben die sich wohl gedacht ‚Wir schmeißen es runter, dann ist es aus der Welt!‘.“

„Da gab es einen freien taz-Autoren, den kenne ich übrigens gar nicht, der schrieb mal etwas zum Thema ‚Grimme Online Award‘ und regte sich dann darüber in seinem eigenen Blog auf, dass andere Blogger dessen Thesen übernommen haben. Das ist Kindergarten! Leute wie Niggemeier und Co. stehen darüber.“

„Wir haben bei taz.de auch eine Verdreihundertfachung der Online-Redaktion. Vorher 0 jetzt 3!“
Der nachfolgende Smiley ist als kursiv zu verstehen: 😉

„Bei den Bloggern gibt es eigentlich gar nicht viel Dünnhäutigkeit. Die gibt es viel stärker bei Chefredakteuren und den Verantwortlichen.“ (er sprach dabei z.B. die Klage von Kai Diekmann gegen Medienwissenschaftler Siegfried Weischenberg an, in der die Zeit nicht gerade die beste Rolle spielte, und zitierte dabei genüsslich aus den Faxen der Chefredakteure untereinander…)

„Es gibt viel wichtigere Dinge, als die Frage, ob Frau Borchert nun zurecht oder nicht über einen SZ-Artikel pikiert ist.“

„Ich habe mit großem Vergnügen bei Call-in-TV.de abgeschrieben… eh nicht abgeschrieben, sondern das Thema NeunLive aufgegriffen.“

„Das Zusammenwachsen von Politik und Journalismus bzw. Wirtschaft und Journalismus halte ich für verheerend. Da sollte man mehr recherchieren.“

„Es werden immer mehr Säue durchs Dorf getrieben.“

Auf die Frage ob die Journalisten nicht angesichts der Blogger und deren Beiträge, in denen sie sich über die klassischen Medien aufregen, pikiert seien: „Klar, alle Journalisten sind pikiert, aber die Blogger sitzen am längeren Hebel. Das sind Rückzugsgefechte.“

Hans Hoff:
freier Autor: „Web 2.0 – was soll das eigentlich?“

Das Kurzreferat von Hans Hoff wurde vom Moderator als satirischer Beitrag angekündigt, worauf Hoff erklärte, das wäre nicht der Fall, er würde das schon ernst meinen. Das mit der Satire wäre ursprünglich geplant gewesen.

„Mein Eindruck ist, dass die meisten Menschen die beim Online-Journalismus sind, nicht freiwillig da sind. Die wären lieber im Print-Journalismus. Ich behaupte: 90% aller Online-Journalisten würden lieber eine feste Printstelle haben.“

„Stern.de will also jetzt auch ganz toll werden und stellt nur Qualität ‚rein… das sind schöne Sprüche von Chefredakteuren. Wie jedoch das Produkt selber aussieht ist was komplett anderes.“

„Die Qualitätskultur muss sich online noch entwickeln. Bei Bloggern hat man den Eindruck, dass es sich um eine Bande kleiner Jungs handelt. Die haben sich jetzt einen Geheimcode gegeben, was eigentlich bloggen ist. Dieser wird jedoch nicht verraten und wenn jetzt andere das machen, dann lacht man sich darüber kaputt, weil die das nicht richtig machen. Aber den Geheimcode verrät man nicht.“

„Blogger hassen andere Blogger: Das ist wie bei Leben des Brian. Da ging es der Volksfront von Judäa primär nicht gegen den eigentlichen Feind, die Römer, sondern vielmehr gegen die Judäische Volksfront.“

„Blogosphäre ist eine Männersphäre. Da stören Frauen anscheinend nur.“
Mit diesem Mythos sollte man mal endlich aufhören… ich empfehle auch das komplette Video des Vortrages von Dr. Jan Schmidt bei der re:publica 2007.

„Viele Blogger fotografieren nur ihre eigenen Eier. Und schreiben dann, dass die anderen keine Eier haben.“

„Die Blogosphäre kommt mir etwas kindlich vor.“

„Ernsthafte Angebote wie Niggemeier gibt es.“

„Schaut man sich mal die Online-Fernsehkritiken an. Das sind doch keine Fernsehkritiken. Viel zu lang, nur reportiert.“
Hmm… manchmal unterscheiden sich übrigens Fernsehkritiker von den Fernsehkonsumenten. Ich erinnere da mal an diverse hochgelobte TV-Formate, die dann unter dem Quotendruck den Bach ‚runter gegangen sind.

Moderator: „Wie ist es dann, wenn Journalisten zu Online-Chefredakteuren werden?“
Hoff: „Stehen denn Online-Chefredakteure automatisch für Qualität? Nur weil die wegen ihrer Blogs zu Online-Journalisten oder Online-Chefredakteuren geworden sind?“

Thomas Knüwer hierzu: „Das ist kompletter Bullshit, das Blogger nur wegen der Blogs zu Online-Journalisten bzw. Online-Chefredakteuren geworden sind. Nehmen wir das Beispiel der WAZ mit Katharina Borchert. Die ist nicht wegen ihres Blogs Online-Chefredakteurin geworden. Sie wurde gebeten eine Studie zu erstellen, wie die WAZ als Lokalzeitung sich im Internet besser präsentieren kann. Das stieß auf so viel Anerkennung, dass man sie fragte, ob sie diese Aufgabe nicht selber auch übernehmen könne. Das ist auch kein großes Geheimnis, man muß einfach nur mal die Leute dazu befragen. Aber das scheint bei Medienjournalisten gerne so üblich zu sein, dass man gerne über Leute schreibt, aber nicht einmal bei den Betroffenen anruft.“

„Dank Ulrich Reitz ist die WAZ wieder eine sehr lesenswerte Zeitung.“

Fazit zu den Kurzreferaten und den Diskussionen dazu:
Die Kurzreferate waren allesamt recht kurzweilig, wobei ich sagen muss, dass der betont nicht satirische Beitrag von Hans Hoff meiner Meinung nach als Satire vielleicht besser gewesen wäre. Das Hans Hoff von Blogs nicht viel hält, wurde eigentlich aus jedem Satz deutlich, wobei er da meiner Meinung nach das Bild der Blogs extrem schwarz-weiß gezeichnet hat. Abgesehen davon, dass Statistiken zufolge die Blogosphäre mehrheitlich weiblich ist, sah er in den Blogs vor allem negative Aspekte. Es würde zwar ein, zwei gute Blogs geben, aber die würden unter gehen in einem Meer von Blogs mit unwichtigen Sachen. Ganz anders sei es im qualitativ besseren Printbereich. Hier gab Thomas Knüwer ihm ordentlich Paroli (ich selber griff auch einen kleinen Aspekt auf) und erklärte, dass man mal einfach nur in den Zeitschriftenladen am Bahnhof gehen müsse und ob man dann die Qualität an Titeln wie „Dicke Titten“ und „Fette Titten“ messen könne.

Es gab also mal wieder die klassische Diskussion „Blogger gegen Journalisten“. Leider wird dabei immer wieder verkannt, dass die meisten Blogger einfach nur Freude darüber empfinden, wenn sie in ihrem Blog schreiben und ggf. auch Reaktionen dazu erhalten.

Schön fand ich dazu dann auch die Frage wer dieses Thema eigentlich aufgebracht hat, wobei die Urheber dann bei den bloggenden Journalisten geortet worden sind.

Fazit insgesamt:
Die anschließenden Gespräche am Rande waren natürlich auch sehr interessant bzw. teilweise deutlich interessanter als die Podiumsdiskussion, vor allem weil bei dieser kaum Reaktionen aus dem Publikum kam. Dort erfuhr man auch so einige interessante Dinge, über die ich natürlich jetzt nicht vollständig schreiben kann (man achte auf die Uhrzeit).
Amüsant fand ich es jedoch, dass ein Gast, der irgendwann abends erfuhr wer ich bin, sehr erstaunt war – weil er sich vorher mit jemand anderem über das Pottblog unterhalten hat und jetzt sehr erstaunt darüber was, das ich auch anwesend war.
Nur zu schade, dass ich nicht mitbekommen habe, wie die beiden sich über das Pottblog unterhalten haben… ich hoffe mal nicht zu negativ… *grins*

PS: (kleine Insider)
1.) Ich esse kein Mars… aber bei mir nennt das ja auch nur (taz-mäßig) „über Trend“.
2.) Ein Königreich für einen Zahnstocher. Ein Kaiserreich für das Bemerken des Bedürfnisses…

Nachtrag: Bei Franziskript wird auch die Frage gestellt, die ich mir am Anfang stellte…


4 Kommentare »

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  1. (1) Trackback by medienlese.com @ 12. Juli 2007, 09:13 Uhr

    6 vor 9…

    Tages-Diebe
    (woz.ch, Göldin)
    “Irritierend, wenn sich eigene Sätze und Gedankengänge in anderen Medien wiederfinden, geschrieben von anderen Menschen, verkauft als deren Eigenleis­tung.” WOZ-Inlandredaktor Göldin schreib…


  2. (2) Kommentar by Thomas Knüwer @ 12. Juli 2007, 10:51 Uhr

    Manueller Trackback: http://handelsblatt6.blogg.de/eintrag.php?id=1403


  3. (3) Trackback by POPLOG @ 13. Juli 2007, 19:40 Uhr

    It had to be Götz (Götz Alsmann)…

    Ich habe heute leider gar keine Zeit zum Bloggen, aber das hier musste einfach sein, schließlich haben wir nicht viele Jazzer hier im Land, die bereits auf Blue Note veröffentlicht haben: Alles Gute zum Fünfzigsten, lieber Götz “Götzimausi&#…


  4. (4) Pingback by Fremdschämen bei Rommerskirchen @ 4. November 2014, 07:52 Uhr

    […] machen oder entspannt sagen: “Lasst die Leute doch, ist doch prima.” Und sie schämten sich fremd. Schämten sich in Anwesenheit der Menschen gleicher Berufsbezeichnung wie die eigene, die […]


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