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Jens Matheuszik — 31. Mai 2007, 23:53 Uhr

Interview mit Don Alphonso zu 100 Tagen Westropolis


Hinweis: Der Autor dieser Zeilen schreibt gelegentlich bei Westropolis mit und hat im WAZ-Finalblog ebenfalls für ein Blog der WAZ-Mediengruppe geschrieben.

***

WestropolisDas Kulturportal Westropolis feierte gestern die ersten 100 Tage (das Pottblog gratulierte gestern schon).

Westropolis ist insofern ein interessantes Projekt, als dass die WAZ-Mediengruppe dies auch als eine Art Vorläufer zu ihrem neuen Internet-Portal WestEins ansieht, bei dem auch die Erfahrungen von Westropolis (Ablaufprozesse usw.) berücksichtigt werden sollen.

Rund zwei Wochen nach dem Start von Westropolis verfasste der bekannte Blogger Don Alphonso (z.B. Rebellen ohne Markt), den man für seine deutlichen und direkten Worte gut kennt, den Beitrag Kommentarboykott bei den Blogs der Medien und bezog sich dabei auch direkt auf Westropolis:

[…] Aber da ist eine Sache, die ich partout nicht begreife: Inzwischen sind bei Westropolis und der Welt durchaus bekannte Blogger am Start. Vielleicht nicht durchgehend die allerbekanntesten Blogger, nicht immer ist das die erste Sahne, was dort geboten wird, aber zumindest sitzen da Blogger, die eine ganze Menge schreiben. […] Ein Teil ganz normaler Bloginhalte sind jetzt auf Medienseiten abrufbar.

Und dann passiert es: Es geschieht so gut wie nichts. Kaum einer setzt sich hin und gibt dort einen Kommentar ab. Und das, obwohl hinter der Einstellung von Bloggern ganz sicher auch der Gedanke an Kommentatoren, Debatten und dadurch hohe Klickzahlen eine massgebliche Rolle gespielt haben dürfte. Mit der Fähigkeit, eine Online-Konversation anzufangen, steht und fällt jedes Blogprojekt; ohne Kommentare kann man auch gleich Journalismus betreiben. Bei der Welt könnte es daran liegen, dass die Blogger gut versteckt sind und manche Springer nicht mögen. Aber auch dafür ist zu wenig los. Und das, obwohl man sich nicht registrieren muss. Wie auch bei Westropolis, wo man mitunter hausintern kommentiert, aber die Mehrheit der Beiträge enden mit 0 Kommentaren.

In der sich damals entwickelnden Diskussion in den dortigen Kommentaren wurde erst einmal festgestellt, dass der Beitrag Don Alphonsos fast schon milde klang (ganz im Gegensatz zu anderen Beiträgen von ihm). Außerdem wurden dort zur eigentlichen Frage („Warum kommentiert dort kaum einer?“) u.a. auch von mir einige Gegenargumente aufgeführt, so z.B. das „jugendliche“ Alter von Westropolis. Die Seite war zu dem Zeitpunkt gerade einmal 15 Tage alt und ein Blog wird nach 15 Tagen nicht unbedingt gleich das Erfolgsblog schlechthin sein.

Jetzt – 100 Tage nach dem offiziellen Start von Westropolis – hielt ich es für angemessen den Fall aus der „Wiedervorlage“ zu holen und habe dazu mit Don Alphonso ein eMail-Interview dazu geführt, das nachfolgend abgedruckt ist:

Jens Matheuszik: Don Alphonso, Du hast vor einiger Zeit in der Blogbar von einem Kommentarboykott in den Blogs der etablierten Medien geschrieben.

Übrigens auf eine Art und Weise die man entweder als „sanft“ oder wie ein Kommentator es beschrieb „auf Prozac“ bezeichnen könnte – ganz anders als in Deinem sonstigen Stil, der ja sonst etwas direkter und lauter ist.
Als Beispiel für den Kommentarboykott hattest Du u.a. die Blogs der WELT und der WAZ genannt und bei der WAZ vor allem deren gerade gestartetes Kulturblog Westropolis.

Deine Meinung damals war, dass dort nichts passiert. Ich zitiere:

„Kaum einer setzt sich hin und gibt dort einen Kommentar ab. Und das, obwohl hinter der Einstellung von Bloggern ganz sicher auch der Gedanke an Kommentatoren, Debatten und dadurch hohe Klickzahlen eine massgebliche Rolle gespielt haben dürfte. Mit der Fähigkeit, eine Online-Konversation anzufangen, steht und fällt jedes Blogprojekt; ohne Kommentare kann man auch gleich Journalismus betreiben.“

Ich denke die Meinung über Kommentare und den Dialog in Blogs hast Du noch genau so, oder?

Don Alphonso: Ja. Das besondere am Bloggen ist der Dialog, Einwegkommunikation hatten wir in den letzten 500 Jahren Mediengeschichte genug.

Jens Matheuszik: Damals hast Du geschrieben, dass Du nicht verstehst, warum dort so gut wie niemand kommentiert. In den Kommentaren haben einige – so auch ich – darauf reagiert, dass man das ganze so schnell ja nicht erreichen kann, da es Westropolis zu dem Zeitpunkt noch nicht lange gab und daher kaum bekannt war. In den Kommentaren wurde dann quasi „vorgeschlagen“, den Fall auf „Wiedervorlage“ zu setzen. Hast Du seitdem mal wieder bei Westropolis ‚reingeschaut?

Don Alphonso: Klar. Wobei es mir schwer fällt, mich in dem Angebot zurechtzufinden, weil durch die Mischung der Autoren die Persönlichkeiten schwach rüberkommen.

Jens Matheuszik: Du hast natürlich recht, die einzelnen Autoren gehen etwas unter. Das liegt aber wohl auch alleine daran, dass es eine große Anzahl von Autoren gibt.

Insgesamt 110, davon sind sieben besonders vorgestellt und einer interviewt auch gerade hier und ist dementsprechend indirekt involviert. Spricht es aber nicht eher für Westropolis, dass dort so viele Leute bloggen? Besser als ein Blog wo kaum jemand schreibt und nur zwei Beiträge im Monat erscheinen, oder?

Don Alphonso: Wer nur zweimal im Monat schreibt, kann es auch gleich bleiben lassen, wenn er was damit erreichen will. Darunter leidet Westropolis ja: So wenig wirklich Herausragendes, Individuelles, so viel blödes Gebabbel.
Was soll sowas?

Abgeschriebene PR, danke. Bezeichnenderweise geht die Autorin gar nicht unter, sie ist gewisserrmassen eine Garantin für solche Ausrutscher.

Dialog ist doch nicht einfach nur mal einen Kommentar reinschmieren. man baut eine gewisse Beziehung zu einem Autor auf, und über die läuft dann die Kommunikation. Und zwar so, dass sie auch mehr transportiert. Bei 110 Autoren braucht man mit dem Kennenlernen gar nicht erst anfangen.

Jens Matheuszik: Was hältst Du denn dann von dem Konzept der „besonderen“ Gastautoren?

Hatice Akyün, Else Buschheuer oder Johannes Groschupf sind schon bekanntere Namen und auch gerade die Beiträge des Revierflaneurs Manuel Heßling sind meiner Meinung nach lesenswert.

Don Alphonso: Zu Frau Buschheuer möchte ich aus persönlichen Gründen nichts sagen.

Anders rum: Jürgen Overkott ist ein wunderbares Beispiel dafür, warum man Journalisten nicht bloggen lassen sollte. Gruslig. Überhaupt kein Gefühl für das Medium, der verwechselt rumlabern mit Lässigkeit.

Johannes Groschupf kann dem ganzen Medium auch nichts abgewinnen und langweilt vor sich hin, was ich als Romanautor tunlichst vermeiden würde. Persönlicheit Null. Und Frau Akyün kann man mögen, ich finde ihre Attitüde jedoch etwas anstrengend.

Klartext: Bloggen muss man wollen, man muss dafür brennen und nicht abgestellt oder verdonnert werden. Und ich kann nicht glauben, dass die Macher mit dem bisherigen vor sich hinbloggen wirklich glücklich sind. Nicht, wenn man das mit
der freien Wildbahn der Blogs vergleicht.

Jens Matheuszik: Du hattest die mangelnde Zahl der Kommentare dort kritisiert bzw. hinterfragt wie es dazu kommt, dass dort kaum jemand kommentiert. Inzwischen gibt es rechnerisch gesehen 3,6 Kommentare pro Beitrag, wie mir Juliette Guttmann von WestEins sagen konnte. Das ist natürlich nichts gegen die Blogbar, aber immerhin etwas, vor allem weil wahrscheinlich die Blogbar eine deutlich höhere Medienpräsenz besitzt als Westropolis.

Don Alphonso: 3,6 Kommentare, und wieviel sind davon von den eigenen 110 Autoren, und bei wie vielen Artikeln entsteht etwas, das man als Konversation bezeichnen würde? Wieviele Gespräche mit Nutzern gibt es? Wie viele Kommentare sind substanziell? Und was bleibt dann noch übrig?

Was bei Westropolis läuft, sind – meines Erachtens billige – Aufrufe zu Listen und Charts, die kommen auch über 20 Kommentare. Und dann sind wieder 4 Beiträge mit 0-1 Kommentar.

Und was die Blogbar angeht: Wir haben zufälligerweise nicht Deutschlands grössten Regionalzeitungskonzern und 110 Autoren im Rücken.

Jens Matheuszik: Das ist natürlich ein Punkt. Ich denke man kann Blogs von Medien auch nicht unbedingt mit „normalen“ – normal deutlich in Anführungsstrichen – Blogs vergleichen. Wie siehst Du denn jetzt z.B. Westropolis in Vergleich zu anderen Medienblogs wie z.B. den Welt-Blogs bzw. der Welt-Debatte, da die Angebote ungefähr zeitgleich gestartet sind?

Don Alphonso: Schwer zu vergleichen, Westropolis ist Standalone, die Welt-Blogs sind prima versteckt, dafür laufen sie teilweise schon sehr viel länger und sind von Einzelpersonen betreut. Bei der Welt ist erst mal weniger – pardon – Müll dabei, die Autoren wären greifbarer, wenn sie es mit ganzem Einsatz machen würden. Was sie aber auch nicht tun. Westropolis dagegen steht für gar nichts, es hat keinen Focus, es steht für nichts ausser viele Texte von Leuten, die keiner kennt. Wenn statt 110 nur die 10 besten schreiben würden, wäre schon viel gewonnen.

Jens Matheuszik: Westropolis hat schon einen Focus… Brennpunkt. Es geht im weitesten Sinne über Kultur. Ob nun Musik, Literatur oder Kinofilme. Da sind natürlich Geschmäcker verschieden und ich würde z.B. auch gerne Frau Gröner dort lesen, aber gerade der kulturelle Bereich hat so viele Facetten.

Findest Du, angesichts der Tatsache dass Kultur nicht unbedingt das 08/15-Standardthema in Blogs ist, es nicht sogar eher mutig, dass die WAZ-Mediengruppe hier mit einem eher schwierigeren Thema gestartet ist?

Don Alphonso: Das hängt ganz vom Kulturbegriff ab. In meinen Augen ist die Blogosphäre über weite Strecken durch und durch Kultur, und handelt von nichts anderem. Es ist eben die eigene Kultur, die da zum Ausdruck kommt, und es fällt mir schwer, da eine Grenze zur „richtigen“ Kultur zu ziehen, die bei Westropolis sein soll – siehe abgeschriebenen PR-Krempel und das Rumgestöpsel mancher Autoren.

Und von der anderen Seite, der „Hochkultur“ gesehen, fehlt es Westropolis einfach an fähigen Autoren, die den Anspruch einlösen könnten. Irgendwelche Videodurchgucker können halt keine tieferen Analysen ersetzen. Auch hier: Mangel an Fokus, Westropolis blubbert vor allem im Mainstream und setzt keine Akzente. Wo ohnehin schon alle sind. Gutes Feuilleton, das Kultur wieder als Gesamtansatz der Gesellschaft begreift, ist da schon wieder weiter.

Ich sage nicht, dass es das bei Westropolis nicht auch gibt, aber es geht im Brei der Massen unter. Kultur hat eben auch was mit Auswahl zu tun.

Jens Matheuszik: Was müssen Medien bei der Etablierung von Blogs beachten?

Don Alphonso: Nur drei Sachen: Zuerst Qualität, Qualität, Qualität.

Dann Engagement; was keine Rampensau ist, braucht gar nicht erst anfangen. Und Charakter. Der Blogger muss einzigartig und trennbar sein. Sowas gibt es bislang mit Thomas Knüwer, und dennoch kackt das Handelsblatt beim Versuch ab, sowas zu widerholen. Generell glaube ich ohnehin, dass man Journalisten besser nicht an ein Blog lässt, um ihnen ein paar Enttäuschungen zu ersparen.

Jens Matheuszik: Gehören nicht bei den bekanntesten und beliebtesten Bloggern hierzulande viele zu den Journalisten? Nicht nur Thomas Knüwer auch Du bist ja eigentlich Journalist. Oder sind das die wenigen Ausnahmen, die die Regel bestätigen?

Don Alphonso: Ich bin als Journalist vollkommener Autodidakt, ich hatte nie einen Lehrer, und habe nie ein Praktikum gemacht. Ich sehe aber bei Journalistik-Studenten, dass die allermeisten überhaupt keine Lust auf Blogs haben und den völlig anderen Arbeitsansatz auch nicht vertragen.

Man braucht für das „erfolgreiche“ Bloggen unheimliche Rampensauqualitäten, und die werden Journalisten eher selten vermittelt. Die meisten sind heute froh, wenn sie nicht mehr raus müssen, und die Selektion über KW-Studiengänge und Numerus Clausus lässt ein ganz bestimmtes Töchterchen-Klientel in den Beruf, dem wir dann die ganze Schleimscheisserei, mit Verlaub, der angepassten Journaille verdanken. Damit kommt man aber bei den Blogs nichtg weit.

Jens Matheuszik: Westropolis ist jetzt heute 100 Tage alt geworden. Würdest Du nach den ersten 100 Tagen eher den Daumen hoch heben oder senken? Oder willst Du noch abwarten was in vielleicht weiteren 100 Tagen passiert?

Don Alphonso: Westropolis ist irgendwo und macht irgendwo was vor sich hin, es stört keinen und tut keinem weh, keiner hat was zu lachen und ob es jemand wirklich liest, weiss ich auch nicht.

Wenn das das Ziel war, 110 Leuten eine Textabsonderungsdomain zu geben: Weitermachen!

Wenn nicht: Konsequenzen ziehen und das Gute nehmen, und das Untaugliche wegkippen.

Ich sehe Westropolis als Versuch, es ist kein Beinbruch, aber ich denke, mit 10, 15 gut fokussierten Spezialthemen hätte man mehr erreicht als mit der aktuellen Textgiesskanne. Und ich habe noch immer nicht verstanden, was Westropolis eigentlich sein soll.

Don Alphonso: Und jetzt mal die Gegenfrage: Wie findest Du Westropolis? Also, jetzt mal ohne Revier- und Lyssabonus. Kannst Du das Zeug lesen?

Jens Matheuszik: Da sieht man, Du bist Journalist und versucht die klassischen Rollen Fragesteller und Antworten in Deinem Sinne umzudrehen…

Meine Meinung zu Westropolis habe ich schon an diversen Stellen veröffentlicht, ich meine sogar auch in der Blogbar.
Aber gerne nochmal:

Ich finde die Idee ein Kulturportal zu starten als eine der ersten Amtshandlungen mutig, eben weil Kultur nicht so der Selbstläufer in Blogs ist – außer man würde Netzkultur dazu zählen…
Doch das was innerhalb von nur 100 Tagen aufgezogen wurde finde ich insofern gut, als dass ich da wirklich jeden Tag im Newsreader was neues drinstehen habe und mich überraschenderweise in vielen Fällen die Themen auch wirklich interessieren.
Unlängst gab es eine Diskussion, wo z.B. im Ruhrgebiet die Sprachgrenze ist, die das Dortmunder „Woll“ vom Rest des Ruhrgebietes trennt. Für die nicht-Kenner: Das „Woll“ ist eine abschließende Bejahungsformel im Sinne von „Dann treffen wir uns am Stadion, woll?“. Die Grenze verläuft übrigens direkt zwischen Lütgenbimmel und Langendreer, woll!

Nachdem ich jetzt die letzte Frage selbst beantwortet habe und Fragesteller das ja eigentlich nicht machen sollten kann ich mich nur noch bei Dir für Deine spontane Bereitschaft auf die Fragen zu antworten bedanken.


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