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Jens Matheuszik — 19. April 2007, 20:03 Uhr

Warum (manchmal) Blogger besser sind als Journalisten – am Beispiel der Entwicklung des Pay TV-Marktes in Deutschland


19/04/2007
Die Diskussion ob Blogger Journalisten sind, ob Blogger die besseren Journalisten oder ob Journalisten die besseren Blogger sind halte ich für müßig. Nichtsdestotrotz zeigt der heutige Tag, inwiefern Blogs Zeitungen überlegen sein können:

So berichten heute diverse Medien davon, dass Premiere ab sofort nicht mehr den Bundesliga-Pay TV-Sender arena via Satellit vermarkten darf – siehe die obige Schlagzeile Kartellamt bremst Premiere aus, die hier beispielshaft verwendet wird.

Die ehemals erbitterten Konkurrenten kooperieren seit rund zwei Monaten und Premiere-Kunden in fast ganz Deutschland können die Fußball-Bundesliga auch wieder via Premiere sehen und nicht nur beim Konkurrenzsender arena. Zusätzlich übernahm arena Anteile an Premiere. Das ganze wurde jetzt vom Bundeskartellamt untersagt, wie es in diversen Medienberichtet wurde.

Während man jedoch in den klassischen Medien nur die reine Quintessenz (Kartellamt verbietet arena-Vermarktung durch Premiere für Satelliten-Kunden) lesen kann, findet sich im Blog allesaussersport eine sehr ausführliche Analyse dieses Puzzleteils. Denn es handelt sich wahrscheinlich nur um ein kleines Puzzleteil in einer viel größeren Geschichte:

Nachfolgend mal eine de facto Übernahme des Beitrages Das Mediale vom Tage von allesaussersport.de (natürlich mit Genehmigung von dort):

Puzzle-Spielen mit PREMIERE und ARENA
Viele Puzzle-Teile liegen auf den Tisch, aber es gibt noch kein Gesamtbild. Es stehen umwälzende Entwicklungen im deutschen Pay-TV an, aber solange alle “Player” wie RTL, PREMIERE, Unity Media oder ProSieben/Sat.1 noch nicht alle ihre Karten auf den Tisch legen, kann man nur ahnen, dass da etwas Großes ansteht

Puzzleteil: Die Personalie Wolfram Winter. Als selbstbewusster Geschäftsführer von NBC Universal stand er einigen Pay-TV-Spartenkanälen vor (13th Street, SciFi, History Channel etc…) die nicht exklusiv via PREMIERE vertrieben wurden und wurde so etwas wie eine kleine unabhängige Macht im deutschen Privatfernsehen. Anfang des Jahres stand Wolfram Winter kurze Zeit einem Projekt namens “Stargate” vor, ehe er als Geschäftsführer für die neue Tochter von PREMIERE “PREMIERE Sky” benannt wurde. Einerseits taucht die Stargate-Episode in den offiziellen Bios von Wolfram Winter nicht mehr auf, andererseits macht PREMIERE Sky genau das, was auch Stargate machen sollte: Vermarkung von digitalen Kanälen via Satellit abseits der PREMIERE-Plattform. Das lässt den Verdacht aufkommen, das Stargate von Anfang an als PREMIERE-Versuchsballon gestartet war.

Puzzleteil: Entavio. Entavio, früherer Codename “Dolphin”, ist eine Entwicklung des Satellitenbetreibers SES Astra und liefert das technische Fundament für “PREMIERE Sky”. Als die ersten Pläne von “Dolphin” durchsickerten, war die Empörung allerorten, inklusive diverser Kartellämter und Medienanstalten, recht hoch, denn ein zentraler Betreiber drohte via Grundverschlüsslung eine einzigartige Monopolposition einzunehmen. Im Laufe des letzten Jahres wurde es ruhiger um Dolphin. Doch seit einigen Wochen ist der zweite Versuch in Form von “Entavio” in den Medien.

Entavio stellt eine technische Plattform dar, wenn man so will: einen neuen Set-Top-Box-Standard. Set-Top-Boxen bekommen eine Entavio-Zertifizierung und müssen im Gegenzug bestimmte Verschlüsselungsmethoden verarbeiten können und evtl. noch weitere “Features” besitzen. Gerüchteweise ist immer wieder die Rede davon, dass Entavio-Boxen auch die Aufzeichnung von Sendungen so kontrollieren können sollen, dass Aufzeichnungen entweder ganz verboten werden oder das Überspringen von Werbeblöcken verunmöglicht wird.

Puzzleteil: Wie heute von PREMIERE bekanntgegeben wurde, wird PREMIERE in Zukunft via Satellit zweigleisig fahren und auch über die Entavio-Plattform ausstrahlen. Hier wäscht eine Hand die andere: mit PREMIERE im Portfolio kann sich die Entavio-Plattform zumindest in Deutschland als “zukunftssicher” verkaufen, zumal auch RTL und Viacom in Verhandlungen stehen sollen. Die andere Hand:

Puzzleteil PREMIERE: die Entavio-Plattform ist aus PREMIERE-Sicht die bessere Plattform. Bereits seit zwei Quartalen verkündet PREMIERE gerne und häufig, dass man plant via Kabel und Satellit langfristig andere Set-Top-Boxen zu etablieren, die “adressierbar” und rückkanalfähig sind. Damit kann ein User via Set-Top-Box (und Internetanschluß) Feedback geben. Z.B. in Form von Shopping (”jetzt besonders günstig im PREMIERE-Shop: Ralf Schumacher-Bettwäsche zum halben Preis“) oder kostenpflichtiger Quizzes (”Gewinnen Sie einen Gutschein für einen zweiwöchigen Türkei-Aufenthalt. Einfach den roten Button drücken! Doch zurück zum Spiel Barcelona gegen Chelsea, Lattenknaller von…“). Die Wahlfreiheit von Verbrauchern wird noch mehr eingeschnürt als bislang, denn die Entavio-Plattform sieht wohl eine Zwangsverdongelung von SmartCart mit der Set-Top-Box vor. Wer den Markt der Set-Top-Boxen kennt und weiß was für Macken selbst Receiver angesehener Hersteller wie Topfield haben, weiß dass jede Einschränkung der Auswahl ein Albtraum für den Verbraucher ist.

Langfristig macht es für PREMIERE wenig Sinn zwei Plattformen via Satellit zu unterstützen. Also wird man sich verschlanken, Ballast und Kosten abwerfen und nur noch die Entavio-Plattform unterstützen.

Puzzleteil: UnityMedia schreibt dank seiner Tochter ARENA tiefrote Zahlen. UnityMedia hat laut der neuen Zahlen im letzten Geschäftsjahr einen Verlust von ca. 202 Mio EUR gemacht. Alleine die ARENA hat daran einen Anteil von 132 Mio EUR Miesen (Sat+Kabel). Zum Stichtag 31.3. hatte ARENA 1,096 Mio Abonnenten (743.000 Kabel, 352.700 Satellit, normalerweise teilt es sich zwischen Kabel und Satellit 50/50 auf). Das Interesse von ARENA und Unity Media die Kosten zu drücken, ist hoch.

Puzzleteil: ARENA und PREMIERE vereinbarten im Februar eine weitgehende Kooperation. PREMIERE durfte ARENA via Satellit als Abo anbieten. Der Clou steckt aber im Kleingedruckten: gegen 16,7% Anteile an Pnicht-stimmberechtigten REMIERE-Aktien vereinbarte ARENA auch einen umfangreichen Dienstleistungsvertrag. Alles was ARENA zur Satellitenausstrahlung benötigt, inkl. des Handlings der Abokunden, erledigt PREMIERE im Auftrage von ARENA. Dieser Dienstleistungsvertrag passt wie Faust aufs Auge was PREMIERE Sky und Entavio machen wollen. Aus Sicht von ARENA spart man sich das ganze Vetriebsgedöns an einer Plattform an der man als Tochter eines Kabelnetzbetreibers sowieso kein großes Interesse hatte. Vorteil: Kosten sparen, Kosten sparen und Kosten sparen.

Puzzleteil: Führungswechsel im Bundeskartellamt. Dr. Ulf Böge, der gerade bei Medienthemen einen sehr festen Kurs fuhr und auch Ärger mit Großkonzernen nicht scheute, wurde Anfang des Monats nach Ablauf seiner Amtszeit durch Dr. Bernhard Heitzner ersetzt. Möglicherweise wollten SES Astra, PREMIERE und Co. in dieser Übergangsphase die Grenzen des Neuen ausloten.

Das Unvorhergesehene: Der Neue im Bundeskartellamt deutet an, dass die Pläne der Kooperation zwischen ARENA und PREMIERE seiner Ansicht nicht 100%ig kosher sind. ARENA und PREMIERE ziehen heute die Notbremse und setzen die Vermarktung aus. D.h. wer ein ARENA-Abo für Satellit neu abschließen will, kann dieses erst einmal wieder nur noch via ARENA themself tun.

Das ist eine Niederlage für PREMIERE und UnityMedia, die noch Anfang Februar verkündet hatten, dass die Kooperation nicht beim Kartellamt angemeldet werden müsste und im Schlepptau den devoten Präsidenten der bayrischen Medienanstalt Wolf-Dieter Ring hatten, der lt. SAT+Kabel, die Kooperation als “beispielhaft” bezeichnete.

Das Einschreiten des Kartellamts kommt zur richtigen Zeit, denn alle Puzzleteile zusammengefügt, zeichnet sich ein gigantisches Oligopol ab, bei dem sich einige Unternehmen die komplette Verwertungsstrecke von Fernsehrechte über Ausstrahlung und technische Plattform untereinander aufteilen. Auf der Strecke bliebe der Verbraucher der weder bei Hardware noch bei Wahl der Pakete großartige Alternativen hätte.

Wer überlegt sich eine neue SetTop-Box für Satellit anzuschaffen, sollte noch einige Monate warten, bis sich ein klareres Bild abzeichnet. Mein Tipp: bis zum Beginn der Bundesliga-Saison muss das geregelt sein, was es zu regeln gibt. Und dann nicht auf die erstbesten Boxen stürzen.

Das sind doch mal deutlichere Informationen als Schlagzeilen wie „Kartellamt bremst Premiere aus“, auch wenn es sich bei den Vermutungen bei allesaussersport.de „nur“ um Spekulationen handelt. Diese klingen jedoch für meine Ohren sehr plausibel.

Ein weiterer Vorteil von Blogs sind die Kommentare, die man in Blogs abgeben kann. Schon oft habe ich Kommentare in Beiträgen gelesen, die den eigentlichen Beitrag ergänzen und aufwerten.

Hier ist es auch der Fall, denn in den Kommentaren dort werden weitere Puzzleteile ins Spiel gebracht, wonach z.B. Premiere ein großes Interesse an Entavio haben könnte, da anscheinend das bisherige Verschlüsselungssystem geknackt wurde. Auch eine Übertragung der Bundesliga-Rechte von arena an Premiere könnte angesichts neuer Puzzletei… Interviews möglich sein – und solche Aussagen macht man ja nicht einfach so.


1 Kommentar »

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  1. (1) Trackback by Headspicket.de Blog! @ 16. Mai 2007, 19:53 Uhr

    Medien, Medien überall nur Medien…

    Print ist tot. Zugegeben, das ist etwas polemisch und populistisch. Aber irgendwie bekam ich heute das Gefühl das der Satz nicht ganz falsch ist. Grund dafür war das ich heute einige alte PC- und Foto-Zeitschriften (und einige andere) aussort…


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