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Jens Matheuszik — 9. Oktober 2006, 22:55 Uhr

Die DDR und ich


DDR-WappenDie DDR und ich – klingt irgendwie merkwürdig, aber doch auch passend.

WebNobbi hatte am 3. Oktober seine Gedanken zum Tag der Deutschen Einheit formuliert und nachdem jetzt Annabell den Schreibwettbewerb Wo wart Ihr am 09.11.1989? gestartet hat, will ich auch meine Erinnerungen mal in Worte fassen (und nicht beim Wettbewerb mitmachen, da ich gar nicht weiß, was ich am 09.11.1989 gemacht habe – wobei ich mich dunkel erinnern kann, daß ich in den Nachrichten Bilder aus Berlin und von der Mauer gesehen habe).

Meine Erinnerungen an die DDR sind durch meine Kindheit geprägt:

Geboren im tiefen Westen (nicht da, wo die Sonne verstaubt – da ist meine Schwester geboren) hatte ich mit der DDR erstmal nichts am Hut. Irgendwann dann begriff man jedoch, daß es da „noch ein Deutschland“ gibt und ich glaube mit acht Jahren habe ich erstmals erfahren, daß wir auch Verwandte dort (genauer gesagt: in Thüringen) haben (über irgendwelche Ecken). Ich kann mich auch noch dran erinnern, wie wir damals den Verwandten Briefe und Pakete geschickt haben. Ich selber bin wohl damals zu unserem Supermarkt geradelt und habe u.a. ein Pfund Kaffee gekauft, was dann im Paket landen sollte. Ob der Kaffee jemals angekommen ist? Ich weiß es nicht.

Grenzer, die sich mit Westautos auskennen
Plötzlich kamen meine Eltern auf die Idee mal unsere Verwandten dort zu besuchen – was natürlich schon eine gewisse Aufregung für mich bedeutete. Wir fanden es alle faszinierend wie die DDR-Grenzer sich besser bei unserem Wagen („Klappen Sie mal die Rückbank hoch?“ – „Wie das denn?“ – „Na so!“) auskannten als wir selbst und dabei dann auch Sachen fanden, die ich schon lange vermisste (irgendwas von Lego). Als wir die Grenze erstmalig überquert hatten war ich stumm, lange stumm. Wer mich kennt, weiß, daß das ein ziemlich unnatürlicher Zustand für mich ist und erst nach wohl 10 km wagte ich es, zu fragen, ab wann man denn wieder reden dürfe.
Meine Eltern hatten vorher nämlich uns Kindern eingetrichtert, daß an der Grenze viele Mikrofone versteckt wären und man nichts böses sagen dürfe. Da ich nicht wußte was jetzt böse war, habe ich es damals gleich ganz sein gelassen und war erleichtert, als wir dann endlich wieder reden durften.

Bei unseren Verwandten „drüben“ wurden wir sehr herzlich begrüßt und ich fand es toll, daß wir jetzt noch eine Tante und noch einen Onkel hatten. Auch wenn streng genommen die beiden weder Onkel noch Tante waren, aber früher waren für uns alle Verwandte, die nicht gerade Oma oder Opa waren Onkel oder Tante. So macht man sich das halt einfacher. 😉

Im Konsum
Die beiden wohnten in einem klitzekleinen Dörfchen in der Nähe der Grenze – das sollte sogar noch mal von Bedeutung sein, denn bei einer Wanderung sind wir – aus Versehen! – kurzfristig sogar in den Bereich geraten, den man lieber nicht betreten sollte. Als wir jedoch das Schild „Grenzgebiet“ sahen, sind wir schnell wieder ‚rübergewechselt.

Als wir uns es dann nach unserer Ankunft gemütlich machten, bekam ich den Auftrag für den Kaffeetisch noch etwas Eis zu kaufen. Man gab mir einige sich merkwürdig anfühlende Münzen (ich hatte immer den Gedanken an Spielgeld), ein kleines Rabattheftchen und schickte mich eine Straße weiter zum „Konsum“. Dort wußte man natürlich schon wer ich war und wunderte sich, was ich denn dort machen würde. Ich sagte dann, daß ich Eis holen soll und stolz führte man mich zum Eis wo ich erstmal ein langes Gesicht machte: Kannte ich doch von zu Hause bwz. aus den Läden im Westen die verschiedensten bonbonfarben bedruckten Eiskartons, eine Auswahl an Sorten, die einem die Entscheidung schwer macht – und hier gab es jeweils einen kleinen, simplen Becher mit Vanille- oder mit Schokoladeneis. Ich weiß nicht mehr ob ich schon im Konsum selbst leicht meine Unzufriedenheit über die mangelnde Auswahl zeigte, aber spätestens im Haus der Verwandten machte ich das. Hier erzählte ich dann auch, daß unser Konsum (so nannte man ja früher bei uns den co op-Laden) eine größere Auswahl hätte. Die darauf folgenden bösen Blicke meiner Eltern konnte ich ja nicht ahnen.

Club-Cola
Irgendwie hatte ich zumindestens am ersten Tag den Weg zielgerichtet in alle Fettnäpfchen gefunden, denn wurde der Konsum-Vergleich noch gut aufgenommen, hatte ich später am Tag etwas gesagt, was wohl nicht so gut ankam. Ich weiß nicht mehr ob ich bei den Verwandten oder aber später am Abend in der Dorfkneipe Club-Cola getrunken habe, aber wahrscheinlich war es wohl in der Dorfkneipe.
Irgendwie schmeckte mir diese Club-Cola nicht wirklich und ich sagte „Im richtigen Deutschland schmeckt die Cola aber besser!“, was nicht ganz positiv aufgenommen wurde…
Es zeigte sich aber schnell, daß ich recht hatte mit meiner Kritik – denn als meine Mutter die Cola probierte, stellte sie fest, daß es keine reine Cola war, sondern eher eine Art Krefelder (also Cola mit Bier gemischt)! Schnell waren die „Übeltäter“ entdeckt – die Berliner waren es! Denn für die ungefähr zeitgleich stattfindende 750-Jahr-Feier in Berlin wurden seitens der DDR fast alle wirtschaftlichen Ressourcen gen Ost-Berlin gesandt. So konnte die hiesige Club-Cola nicht in Cola-Fässern geliefert werden, sondern nur in Bier-Fässern. Das erklärte zumindestens den Krefelder-Geschmack.

Bezirk Erfurt und Plattenbau
Gemeinsam machten wir diverse Ausflüge in die wichtigsten Städte der Umgebung. Amüsant fand ich es, als wir bei der Tochter der Verwandten und ihrem Mann in Eisenach erstmalig ein Telefon fanden. Dieses (für uns selbstverständliche) Privileg genossen sie, weil sie in der Technik der dortigen Reichsbahn wichtige Aufgaben hatten und ggf. angerufen werden mußten. Amüsant an dem Telefon war, daß – sobald man den Hörer anhob – sich eine Tonbandstimme mit dem Spruch „Bezirrrrrrk Errrrrfurt“ meldete.
In Eisenach waren wir auf der Wartburg – was zumindestens aus religiöser Sicht nicht unwichtig war (für Protestanten). Den Tintenfleck, wo Martin Luther angeblich auf den ihm erschienenen Teufel gezielt hatte, sah man immer noch.
In Eisenach erlebten wir auch zum ersten Mal die für unser DDR-Bild so typischen Plattenbauwohnungen. Dort fand ich faszinierend, daß man sich dort zu zweit relativ wenig Platz teilte. Ich stellte fest, daß z.B. einer der Kellerräume bei uns zu Hause ungefähr ein paar qm größer war als deren gesamte Wohnung!

Politik und Geschichte
Ich glaube es war in Weimar (irgendwie schwirrte mir die ganze Zeit Goethe in den Ohren herum), da unterhielten meine Tante und ich uns über die deutsche Teilung. Wir waren beide logischerweise der Meinung, daß die Teilung nicht schön wäre und es ein Unglück sei, wenn weiterhin Mauern und Stacheldraht zwischen beiden „Deutschlands“ sind.
Damals wußte ich zwar ansatzweise schon was über die DDR, aber ich fragte sie, warum es denn überhaupt die beiden getrennten „Deutschlands“ gab. An die Antworten hierzu erinnere ich mich auch jetzt noch sehr gut:
Natürlich waren die Nazis und ihr verbrecherisches Regime ursächlich schuld (okay, so hat sie es mir als Neunjährigem ggü. nicht formuliert – aber sinngemäß!), aber dann waren es die USA, die sich leider nicht für das Eichsfeld eingesetzt hätten, obwohl sie doch schon dort einmarschiert waren. Das verstand ich nicht wirklich und so klärte sie mich auf, daß am Ende des Zweiten Weltkrieges zwar die US-Amerikaner schon quasi bei Ihnen in der Gegend waren, aber die Amerikaner sich aufgrund einer Vereinbarung mit der Sowjetunion zurückgezogen hatten: das war der Preis für die Aufteilung Berlins und die Schaffung des amerikanischen, britischen und französischen Sektors.
Von dem Standpunkt hatte ich das bisher nie gesehen und es sollte noch einige Zeit dauern (ungefähr bis zum 09.11.1989 – spätestens aber bis zum 03.10.1990), bis ich den (West-)Berlinern verzieh, daß wegen ihnen, meine Verwandten noch eingesperrt waren.

usw. usf.
Ich könnte jetzt noch viel mehr Geschichten erzählen – wir waren nicht nur einmal vor der Wende in der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik. Ob nun lustige Geschichten in Bezug auf Hamster, Besuche im Intershop, wilde Fahrten auf Autobahnen, der Besuch in Apolda… da gibt es noch einiges. Aber dieser Blog-Eintrag ist eh schon viel zu lang, daher belasse ich es jetzt dabei.

PS: Das oben abgebildete Wappen der DDR entstammt dem entsprechenden Wikipedia-Eintrag.


2 Kommentare »

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  1. (1) Kommentar by Annabell @ 10. Oktober 2006, 10:23 Uhr

    Als wir nach unserer Ausreise am Hauptbahnhof Frankfurt/Main ankamen, nahm ich meine 2 DM Westgeld, die mir vorher geschenkt worden waren, ging zu einem Eisstand und verlangte von jeder Sorte eine Kugel. Der Verkäufer lachte mich aus: „Wo soll ich die denn überall hinpacken? Außerdem reichen 2 Mark nicht.“ Jaja, so war das mit dem Eis im Osten. Es gab 4 Sorten, an die ich mich bewusst erinnern kann: Schokolade, Vanille, Erdbeer und Pfefferminz. Alles als Softeis.
    Gruß,
    Annabell


  2. (2) Kommentar by Woti @ 5. Dezember 2006, 21:16 Uhr

    Tja,das alte Ossi Eis ist jetzt mein Beruf,mehr auf meiner Webseite.
    Es ist das leckerste Eis der Welt………..


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